Quixada - sprich Gischada - ist eines von vielen kleinsten und etwas grösseren Städtchen in der weiten Tiefebene von Ceara Brasilien. In zwei Monaten wird die Trockenzeit wieder ihren Höhepunkt erreicht haben. Die verwinkelten Wasserflächen auf steinigem Grund liegen wie flüssiges Blei neben dürren Feldern und kargen Weiden. Um fünf Uhr steigt die Sonne fast senkrecht in den Himmel hoch und bereits mitten am Vormittag flimmert die Luft in betörender Hitze. Täglich fegt am Morgen der Wind vom ach so weit entfernten Atlantik her über das Land, wenn der Gleitschirmflieger Gück hat nur mit 20 km/h, meist aber weit mehr. Rechts im Dunst des Horizonts sind wir vor einer Viertelstunde oder halben Stunde weggeflogen, vom Klosterberg von Quixada, der uns täglich mit seinen wilden Aufwinden verängstigt. Beat Ritzmann und ich geniessen die Kühle der 1000 Meter Höhe über Grund. Doch der Wind ist stark, bald müssen wir den Bart verlassen, wenn wir Glück haben, an der Wolkenbasis, die rasante Fahrt über die Ebene kann schnell vorüber sein, wenn ich den nächsten Aufwind nicht finde. Dann Gnade mir Gott, dass ich keinen unsichtbaren Staubteufel erwische und sauber irgendwo einlanden kann, bei den freundlichen Leuten, die uns im Schatten ihrer Häuser bewirten und unterhalten, bis der Rückholer kommt.
Diesen Spätherbst fliegen wieder mindestens zwei unserer HAST-Mitglieder in Quixada, und viele Freunde. Ich wäre gern dabei und bin froh, nicht dabei zu sein;-)
Team Pilot: nova-wings.com
Unsere Jungs siehe dann ihre Flüge auf: High-Adventure.ch
Der Boss in Quixada: Flywithandy.ch
Roland Maeders Blog
Freitag, 9. September 2011
Mittwoch, 22. Juni 2011
Berger
Berger
Kriminalroman
Roland Mäder
Erstes Kapitel
Es war ein grauer Montagmorgen im März. Der junge Inspektor Alexander Berger hatte seinen Mantel, der von einem feinen Regen feucht war, noch nicht ausgezogen, als Kommissar Neuhaus die Türe zum Büro öffnete.
”Fahr doch gleich mal nach Brienzwiler”, sagte er, ohne die Hand von der Türklinke zu nehmen. ”Es gibt dort bei der neuen Brücke eine Leiche. Weisst du, wo das ist?”
”Ja.”
”Gut”, sagte Neuhaus und schloss die Türe.
Leichen lagen im Berner Oberland nicht sehr häufig herum. Normalerweise kümmerte sich Neuhaus wohl persönlich um solche Fälle. Das war eine Vermutung von Bergern, der erst seit einem Jahr in der Kriminalabteilung des Stadthauses Thun arbeitete.
Ungewöhnlich war der Auftrag, aber nicht unangenehm. Berger nahm sein eigenes Auto. Während er durch den trüben Morgen den Seen entlang ins Haslital hinauffuhr, hörte er sich im Kassettengerät einen grossen Teil der Goldbergvariationen an.
Er hatte seine dritte selbstgedrehte Zigarette zwischen die Lippen geklemmt, als er zu der Gruppe von Leuten trat, die unter der Brücke in Brienzwiler im wintermatten Gras stand. Er gab den Brienzer und Meiringer Polizisten die Hand.
”Berger”, sagte er nur und hörte flüchtig auf die Namen, die die anderen sagten. Es standen noch einige andere Männer herum, die er nicht kannte. Es waren wohl Leute von der Baustelle. Die neue Brücke von Brienzwiler gehörte zu einem Anschluss der Nationalstrasse N8, die gegenwärtig durch das Oberland und hinüber in die Innerschweiz gezogen wurde.
Berger wandte sich der zugedeckten Gestalt am Boden zu. Er entfernte die feuchte Decke und blickte auf einen sonntäglich gekleideten jungen Mann. Dessen Gesicht blickte blind in den trüben Himmel, aus dem ein feiner Nieselregen fiel.
Die Miene des Toten passte nicht zu den Umständen. Er schien zu grinsen. Die Zähne waren entblösst und Falten hatten sich um Mund und Augen gebildet. Unterstützt durch dieses Grinsen zeigte der Tote eine wilde Männlichkeit.
”Schon fotografiert?” fragte Berger über die Schulter blickend.
Dann hob er eine Brille auf, die neben dem Kopf im feuchten Gras lag und blickte durch die stark verkleinernden Gläser. Er steckte die Brille in seine Manteltasche und betrachtete die Kleider des Mannes.
Das weisse Hemd klebte auf dem schlanken Körper, liess ein Leibchen mit schmalen Trägern durchschimmern. Unter den schmalen Hemdkragen war eine schmale Krawatte mit einem kleinen Knoten gebunden. Die Arme lagen da, wie sie der Sturz hingeworfen hatte. Um die Handgelenke zeigten die Hemdsärmel goldglänzende Manschettenknöpfe. Zwei schöne Hände lagen im Gras.
Die Hose war schwarz, mit einer kräftigen Bügelfalte versehen und war unten schmal geschnitten. Der schwarze Gürtel war ebenfalls schmal, und die glänzenden schwarzen Schuhe hatten einen flachen Absatz.
Alles in allem ein Bild von einem Mann, der nicht ganz der gängigen Mode entsprechend gekleidet war. Das galt auch für seinen Haarschnitt. Kurz, sorgfältig und schnörkellos gescheitelt, soweit man das noch feststellen konnte. Neben den Ohren weit nach oben rasiert.
Eigentlich hätte der Mann zu seinen Kleidern einen Kittel tragen müssen, überlegte Berger und suchte nach einem Bild in seinem Gedächtnis. Er fand es.
Das Erscheinungsbild des Toten erinnerte ihn an die sauber herausgeputzten Jungs, die für irgend eine Kirche Türwerbung machten und die man auf öffentlichen Plätzen neben ihren Schautafeln sehen konnte.
Während Berger die Leiche betrachtete, standen die anderen schweigend da. Er, der jüngste unter den Männern, hatte den Toten in Besitz genommen!
Es waren kleine Dinge, die dies unterstrichen. Die Bewegung, mit der er die Decke entfernt hatte, die Art, in der er sich neben der Leiche in die Hocke niedergelassen hatte.
Jetzt erhob er sich halb, griff in die rechte Hosentasche des Toten und zog einen Schlüssel an einem ledernen Anhänger heraus. Er tat den Schlüssel in seine Manteltasche, ging um die Leiche herum, ergriff sie fest an Hose und Gürtel, drehte sie zur Seite und fand in der rechten Gesässtasche ein schwarzledernes Portemonnaie. Auch dieses tat er in seine Manteltasche und untersuchte die restlichen Taschen von Hosen und Hemd des Toten, die leer waren.
Dann zog er die Decke wieder über die Gestalt am Boden, erhob sich und blickte automatisch in das Gesicht des ältesten Polizisten in der Runde.
”Jetzt würde ich gerne mit einem von Ihnen und jemandem von der Baustelle hinauf auf die Brücke gehen”, sagte er.
Ein Mann trat aus der Runde.
”Ich bin der Bauführer”.
Berger gab ihm die Hand.
”Meier”, sagte dieser, und zu dritt schritten sie auf die alte Brücke zu, die ebenerdig lag, überquerten sie und folgten der Brünigpassstrasse hinauf bis zum knapp zehn Meter hoch angelegten Niveau der neuen Brücke.
Auf einem kleinen Platz neben der Passstrasse, gegenüber dem Brückenkopf waren allerlei Baumaschinen, Baumaterial und ein Baustellenwagen abgestellt. Dort bemerkte Berger einen orangen Opel Kadett. Berger steuerte darauf zu, zog den Schlüssel, den er dem Toten abgenommen hatte, aus seiner Manteltasche und streckte ihn ins Schloss. Er passte.
Berger sperrte das Auto zu, das nicht abgeschlossen gewesen war, auch auf der Beifahrerseite, und ging zurück zu den anderen beiden, die am Brückenkopf gewartet hatten.
Die Brücke überspannte zuerst die Geleise der Brünigbahn, dann die Aare, dann einen grasbewachsenen Schutzwall neben dem Fluss, wo die Leiche lag und schliesslich die Strasse nach Meiringen, die bald durch die N8 ersetzt werden würde. Weiter verlief die Brücke über einen schleifenförmigen Damm hinunter in die künftige Autostrasse.
Berger ging mit dem Polizisten und dem Bauführer bis zu der Stelle der Brücke, wo diese über den Schutzwall neben der Aare führte. Hier befand sich im provisorischen Brückengeländer eine Lücke. Eine der rotweiss gestreiften Holzlatten lag auf einer Seite nicht in ihrer Halterung sondern auf dem Boden.
Berger trat nahe an den Rand der Brücke, beugte sich vor und schaute über die schrägstehende Geländerlatte hinunter. Genau unter ihm lag die zugedeckte Leiche, die Füsse Richtung Brücke, den Kopf talabwärts Richtung Brienz.
Berger sah sich um. Auf der Brücke wurde noch gearbeitet, allerlei Dinge lagen und standen herum. In nächster Nähe waren auf einem Holzpalett Zementsäcke abgestellt worden. Obwohl die Beige zugedeckt war, sah Berger durch die Plastikblache hindurch, dass ein Teil der Säcke durchnässt war.
Berger trug eines der Betonelemente beiseite, mit denen die Blache beschwert war, und schob sie zur Seite. Einer der nassen Säcke zuoberst auf der Beige zeigte einen langen Schnitt.
Es war ein schräger Schnitt in der Breitseite des Zementsackes. Der rund vierzig Zentimeter lange Schnitt war auf einer Seite zusätzlich aufgerissen. Vom feuchten Inhalt des Sackes fehlte etwa eine Handvoll.
Die beiden anderen Männer waren nähergetreten.
Der fehlende Baustoff aus dem aufgeschnittenen Sack war nirgends zu entdecken. Berger suchte, ohne etwas zu finden, die nähere Umgebung der Beige ab, wobei der Polizist abwechseln mit dem Bauführer rasch zur Seite trat.
”Wer hat die Leiche entdeckt?” fragte Berger den Bauführer.
”Einer der Hilfsarbeiter”.
”Gehen Sie mir den rasch holen?”
Der Bauführer ging.
”Was für ein Arzt ist da gewesen?” wandte sich Berger an den Polizisten.
”Frischknecht, von Brienz.”
”Hat er etwas gesagt?”
”Nein.”
Die beiden Männer warteten schweigend. Auf der Kappe des Polizisten und auf Bergers Haaren hatten sich feine Wassertröpfchen niedergelassen. Zwischendurch blickte Berger wieder über den Rand der Brücke hinunter, wo noch drei Polizisten in der Nähe der Leiche standen.
”Könnten Sie nachher schauen, dass der Tote in die Insel gebracht wird?”
Mehr brauchte Berger nicht zu sagen. Die Insel war im Bernbiet ein Begriff. Gemeint war das so genannte Berner Spital, wo auch gerichtsmedizinische Gutachten für Fälle im Berner Oberland erstellt wurden.
Der Bauführer brachte einen kleinen Mann mit südländischen Zügen.
”Waren die Säcke heute morgen zugedeckt?” fragte Berger und deutete auf das Palett Zementsäcke.
Anstatt zu antworten, blickte der Mann den Bauführer an. Dieser übersetzte Bergers Frage ins Italienische.
”Nein, nein. Nicht zugedeckt. Es war alles nass. Ich habe sie wieder zugedeckt.”
Berger liess den Bauführer übersetzen, obwohl er des Italienischen leidlich mächtig war. Der Mann streckte beide Hände von sich, die Handflächen nach oben gekehrt und sagte dabei:
”Der Wind hat die Blache weggeblasen”.
”Si, si, il vento”, sagte Berger, mit dem Kopf nickend. Und weiter auf italienisch: ”Warum sind Sie heute Morgen hier heraus auf die Brücke gekommen?”
Der Bauführer schaltete sich ein:
”Er hat hier Trottoirsteine gesetzt, zusammen mit ihm.”
Er machte eine Kopfbewegung, hin zum Brückenrand.
Es dauerte einen Moment, bis Berger dies begriff. Der gutaussehende junge Mann in Sonntagskleidern, nicht ganz der Mode entsprechend, aber sehr elegant, die kurzgeschnittenen, sorgfältig gescheitelten Haare, die schönen Hände.
”Wie heissen Sie?”
”Locatelli, Constantino Locatelli”.
Berger nahm Notizblock und Kugelschreiber hervor und schrieb den Namen in seiner kleinen, fahrigen Schrift auf.
”Um welche Zeit haben Sie den Toten gefunden?”
Constantino Locatelli überlegte kurz. ”Viertel nach Sieben.”
Nun machte auch Berger eine eindeutige Kopfbewegung zum Brückenrand hin: ”Haben Sie mit ihm letzten Freitag hier draussen gearbeitet?”
”Ja, aber nur bis Mittag. Nachmittags ist er nicht gekommen - wie schon so oft,” fügte er, mit einem Seitenblick auf den Bauführer, hinzu.
”Etwas anderes, Signiore Locatelli: Haben Sie hier draussen heute morgen etwas ungewöhnliches vorgefunden?”
”Nein, also, ich habe die Lücke gesehen...” Er zeigte auf die schrägstehende Latte am Brückenrand.
”Danke, Herr Locatelli, das ist alles.”
Der Italiener ging über die Brücke zurück.
”Lassen Sie die bitte die Zementsäcke vorläufig so wie sie sind”, sagte Berger zum Bauführer.
Und zum Polizisten: ”Die Leiche kann jetzt weggebracht werden. Würden Sie bitte noch veranlassen, dass hier oben und unter der Brücke nach einem Messer gesucht wird? Nur die nächste Umgebung.”
Er versprach sich nicht viel von dieser Massnahme. Im Bericht an Neuhaus würde es sich aber bestimmt gut machen.
Es nieselte noch immer. Die Räder der Autos, die ab und zu unter der neuen Brücke durchfuhren, machten auf der nassen Strasse ein trostloses Geräusch. Drüben auf der Brünigstrasse schalteten Lastwagen geräuschvoll in die kleinen Gänge, wenn sie die Steigung bei der alten Brücke erreichten.
Vom Dorf Brienzwiler war hier unten bei den Brücken nichts zu sehen. Es lag etwas weiter oben am Berg auf einer Terrasse. Hier unten gab es nur eine kleine Eisenbahnstation, eine Tankstelle und ein Hotel. Die drei Gebäude bildeten eine Art Schicksalsgemeinschaft. Ihre Zeit lief ab. Wenn der Verkehr nicht mehr auf ihrer Seite des Flusses rollen würde, blieb ihnen bloss noch der Lärm von der N8 drüben und von der nahen neuen Brücke.
”Haben Sie die Adresse des Toten?” Die Frage war an den Polizisten gerichtet. Berger wusste, dass er damit den Bauführer mit Namen Meier überging. Der Polizist schickte sich an, die nötigen Angaben für den jungen Berger zu notieren. Berger fragte den Bauführer:
”Seit wann hat... wie war sein Name?”
”Simon Küenzli”.
”Seit wann hat dieser Küenzli auf der Baustelle gearbeitet?”
”Seit November”.
Bei diesem Wort schauderte Bergern. Alle warteten auf die ersten warmen Frühlingstage. Über das Wochenende hatte die Sonne geschienen, aber nur für einige kurze föhnige Stunden. Jetzt war der Himmel wieder verhangen, und die Landschaft verharrte in trüben Winterfarben.
”Wissen Sie, wie er zu dieser Anstellung gekommen ist?”
Der Bauführer durchforschte sichtlich sein Gedächtnis: ”Die Firma hat ihn eines Morgens geschickt.”
„Die Firma?“
”BBI - Blumer Bau Interlaken.”
Berger schrieb das in seinen Notizblock und legte den Zettel dazu, den ihm jetzt der Polizist reichte. Darauf stand, dass Simon Küenzli ”c/o” wohnte, also in Untermiete, bei einer Familie Emil Schild in Brienz.
”Die wissen wohl noch nichts?”
Der Polizist schüttelte nur den Kopf.
”Ich übernehme das”, sagte Berger und setzte sich in Bewegung, hinüber Richtung Brünigstrasse. Die anderen folgten.
”Das wäre wohl alles?” fragte Berger den Polizisten. Dieser nickte mit dem Kopf.
Der Bauführer blieb oben auf der Brücke. Der Polizist ging über die alte Brücke zurück zu seinen Kollegen und Berger ging zum Hotel ”Balmhof”.
Er war froh, der Baustellenatmosphäre entronnen zu sein, mit der Aussicht auf ein warmes Kaffee. Einer der Arbeiter, ein eigenartiger Arbeiter, hatte die Baustelle über die Abschrankungen hinweg für immer verlassen. Abschrankungen, die zum Schutz der Arbeiter da waren, aber auch ihre traurige kleine Welt markierten. Wieviel nahmen sie auf der Baustelle von ihrer Umgebung wahr? Sommer wie Winter dröhnte ihnen der Lärm derselben Maschinen in den Ohren, Sommer wie Winter blickten sie über ihre Schaufelstiele auf dieselbe verletzte Erde, Sommer wie Winter dampfte ihnen derselbe Geruch nach uraltem Erdreich und frischem Beton in die Nase, Sommer wie Winter vibrierten Schleifmaschinen, Stampfmaschinen, Presslufthämmer, Fräsen und Walzen in demselben Rhythmus in ihren Händen. Welchen Unterschied machte es für sie, ob Schnee oder Regen fiel, ob Kälte oder Hitze herrschte, ob der harte Hauch des Winters oder Frühlingsdüfte die Luft erfüllten?
Bevor Berger über die nasse Terrasse vor dem ”Balmhof” ins Restaurant trat, blickte er zurück zur Baustelle. Oben auf der Brücke war die schräg gestellte Latte zu sehen.
Eine Reihe Erlen, die noch nicht zu knospen begonnen hatten, standen entlang der Aare und verdeckten den Blick zu jener Stelle am Fluss, wo die Leiche lag. Und wo jetzt die hiesige Polizeiprominenz wohl dabei war, im nassen, braungelben Gras nach einem Messer zu suchen.
Auf seine Anweisung hin.
Ob man ihn, den jungen Inspektor aus Thun, für arrogant hielt? Kommissar Neuhaus hätte mit den Polizisten, die er wahrscheinlich seit langem kannte, sicher einige persönliche Worte gewechselt, über die Leiche hinweg.
Ob man ihm seine karge Art übel nahm? Doch da war die Sache mit dem Zementsack. Dies war den Ortspolizisten entgangen!
Es war gegen halb zehn Uhr, als Berger ziemlich zufrieden das Restaurant des ”Balmhofs” betrat.
Im Restaurant war niemand bis auf die Serviertochter, die hinter dem Buffet stand, über eine Zeitung gebeugt. Sie richtete sich auf, als Berger eintrat.
Er steuerte auf einen Tisch etwas im Hintergrund des Raumes zu. Durch das Fenster über seinem Tisch sah er die Tankstelle, an der gerade ein Wagen Halt machte. Eine Frau mit einem Kind an der Hand überquerte die Strasse hinüber zum Bahnhof.
Berger bestellte Milchkaffee. Er drehte sich eine Zigarette. Das Papier liess sich in seinen feuchten Fingern leicht drehen. Er wartete mit rauchen, bis die Serviertochter den Kaffee brachte.
Sie sprach nicht den hiesigen Dialekt. Sie war hübsch und etwa in Bergers Alter, gegen dreissig. Berger fragte sich, was die Frau in diese Ecke verschlagen haben mochte. Und bemerkte gleichzeitig, dass er selber sich hier ein wenig fremd fühlte.
Fremd, aber nicht unwohl. Jedenfalls hier im Restaurant nicht. Irgendwo durch eine Türe waren Küchengeräusche zu hören. Dumpf mischte sich Lärm von der Baustelle bei der Brücke dazu, und wenn ein Auto vorbeifuhr, hörte man gedämpft das Rauschen der Räder auf der nassen Strasse.
Berger liess Zucker auf den braunweissen Schaum in der Tasse rieseln und sah zu, wie die Kristalle sich voll Flüssigkeit sogen und durch den Schaum hinabsanken.
Es war bestimmt kein Selbstmord!
Die Brücke war viel zu niedrig für einen beabsichtigten Todessturz. Zudem hätte sich Küenzli schon sehr merkwürdig von der Brücke hinauswerfen müssen, um so zu liegen zu kommen, wie man die Leiche vorfand.
Und dann war da dieser aufgeschnittene Zementsack, der im Regen nass geworden war.
Ob Neuhaus ihn, den jüngsten Inspektor, alleine losgeschickt hätte, wenn er gewusst hätte, dass da mehr dahinterstecken konnte?
Berger sah auf und schaute der Serviertochter zu, wie sie entlang der Fenster zur Strasse hin die Tische für Mittag aufdeckte. Es war noch ein bisschen früh dafür.
Man musste am Opel Kadett von Küenzli Fingerabdrücke nehmen, das war klar. Als nächstes sollte er den Arzt anrufen, um die Todeszeit in Erfahrung zu bringen. Dann erst konnten die Leute hier vernommen werden.
Berger schaute immer noch hinüber zur Serviertochter, die Messer und Gabel neben die Teller verteilte. Als die Frau zu ihm herübersah, senkte er ohne Hast den Blick.
Was, wenn Neuhaus ihm den Fall aus der Hand nahm? Er hatte tatsächlich noch nie allein in einem - Mordfall - ermittelt.
Er schaute wieder der Serviertochter zu. Ob sie hier im Haus wohnte?
”Hätten Sie wohl einen Augenblick Zeit?”
Die Frau kam.
”Berger, von der Kriminalpolizei Thun. Sie sind wohl im Bild wegen des Toten?”
”Ja.”
”Wissen Sie, wer es ist?”
”Sie meinen, ob ich ihn kannte?”
”Ja.”
”Er kam zuweilen ins Lokal.”
”Wie heissen Sie?”
”Esther Lauber.”
Berger beschloss, sein Notizbuch in der Tasche zu lassen. Er fühlte sich unbehaglich in der Rolle eines Polizisten, der in einer so aussergewöhnlichen Sache ermittelt. Fast hatte er gegenüber der Serviertochter ein wenig Hemmungen. Eigentlich hatte er jetzt kein Recht, ihr Fragen zu stellen. Oder doch?
”Bitte setzen Sie sich doch einen Augenblick.”
Die Frau setzte sich, ein wenig schräg, auf den Stuhl gegenüber von Bergern und legte beide Arme auf den Tisch.
”Wohnen Sie hier im Haus?”
”Nein.”
Berger hielt es für besser, nicht nach ihrer Adresse zu fragen. Nicht, bevor er mit Neuhaus telefoniert hatte.
”Waren Sie gestern hier?”
”Von elf bis zwei und von fünf bis halb zwölf.”
”Haben Sie hier kein Zimmer.”
”Doch, aber ich benutze es selten. Wenn ich nur kurz Pause habe.”
Wieder musste Berger gegen seine Hemmungen kämpfen. Aber er hatte nun mal angefangen zu fragen.
”Arbeiten Sie schon lange hier?”
Die Serviertochter beeilte sich zu erklären, dass dies eine Aushilfsstelle sei. Sie habe im Januar hier angefangen und werde nur bis Ostern bleiben. Sie behielt für sich, was sie danach zu tun gedachte.
”Gestern ist Ihnen nichts aufgefallen, was mit dem Toten zu tun haben könnte?”
”Nein.”
Bergern fiel noch etwas ein: ”Er war nicht hier?”
”Nein.”
Berger überlegte. Die Frau warf einen Blick über die Schulter ins Restaurant und hinter das Buffet.
Berger suchte nach den richtigen Worten und sagte dann: ”Das wäre erst mal alles, Frau Lauber. Später habe ich vielleicht noch weitere Fragen an Sie.”
Er lächelte vage und erntete von Esther Lauber ein ebenso vages Lächeln.
Dann führte er ein kurzes Telefonat mit Thun. Neuhaus war nicht da. Berger liess ausrichten, er werde sich wieder melden und forderte Kollegen an wegen der Fingerabdrücke. Sie sollten ihn in einer Stunde hier im ”Balmhof” treffen.
Er trank eine weitere Tasse Milchkaffee, der hier in Brienzwiler zwanzig Rappen billiger war als unten in Thun. Berger hatte schon bezahlt und wollte gerade aufstehen, als drei Männer zur Tür hereintraten. Sie setzten sich an einen Tisch nicht weit von Bergern, bestellten Bier, der eine Kaffee.
Berger konnte nicht verstehen, was sie sprachen. Es war aber nicht viel. Sie hatten Aktenmappen bei sich. Vielleicht waren es Gemeindebehörden, Architekten, Bauführer, die etwas mit der Brücke und der N8 zu tun hatten. Dann wussten Sie von dem Toten.
Esther Lauber brachte den Männern die Getränke. Zwei prosteten sich mit ihren Biergläsern zu.
Der dritte rührte still und bleich in seiner Kaffeetasse. Er wäre Bergern nicht weiter aufgefallen, wenn er nicht einiges mit dem Toten unter der Brücke gemeinsam gehabt hätte.
Dieselben kurzen Haare, zu kurz für die gängige Mode. Der Hemdkragen ebenfalls unüblich schmal. Aber das wichtigste war sein Gesicht. Auch wenn es jetzt ernst dreinblickte, konnte man sich vorstellen, wie es in religiöser Überheblichkeit erstrahlen konnte. Irgendwie wirkten diese Typen weltfremd, wenn nicht ärgerlich arrogant.
Der Mann, der da drüben in seiner Kaffeetasse rührte, glich noch mehr jenen hausierenden Heilsverkündern als der Tote draussen unter der Brücke. Vielleicht bloss, weil er noch ein wenig lebendiger war, als der andere.
Eigentlich hätte Berger hingehen müssen und fragen: Kennen Sie den Mann da draussen? Gehörte er derselben religiösen Gemeinschaft an wie Sie?
Aber er hatte keine Lust. Noch war dies nicht sein Fall. Und überhaupt!
Was er jetzt zu tun hatte, war auch nicht gerade ein Honigschlecken. Aber immer noch besser, als sich mit religiösen Eiferern herumstreiten.
Er stand auf, zog sich den Mantel über und verbuchte einen interessierten Blick der Serviertochter Esther Lauber, der er auf Wiedersehn sagte.
Es regnete noch immer, als Berger über die Terrasse des ”Balmhof” hinaus trat. Er ging über die Strasse zum Bahnhof, wo sein Auto stand.
Die Brücke würdigte er keines Blickes mehr.
Zweites Kapitel
Berger fuhr über die gewundene Strasse nach Brienz. Das Dorf lag nur wenige Kilometer talabwärts am Nordufer des gleichnamigen Sees. Die Strasse schien im flachen Tal einem unsichtbaren Fluss zu folgen, der hier einst eine malerische Landschaft geformt haben mochte, jetzt aber in einen engen, schnurgeraden Kanal gepfercht war.
Talabwärts ahnte man schon den Brienzersee, der die schroffen Berghänge rechts und links weit auseinanderzwang. Über allem hingen Wolken weit herunter, und wo sie die Berghänge berührten, waren die dunklen, steilen Wälder mit frischem Schnee überworfen.
Brienz bestand zur Hauptsache aus engen Häuserreihen entlang einer langen Hauptstrasse. Im Zentrum des Dorfes gingen vom See her eine Handvoll Gassen hangaufwärts ab, erschlossen höhergelegene Quartiere.
Dort hatten die Häuser nach Süden hin sonnenverbrannte Holzfassaden. Die am Hang liegenden Gärten zeigten schon einen grünen Schimmer von frisch gewachsenen Gräsern und Blumenblättern.
Irgendwo da oben wohnten wohl die Schilds, die Vermieter des Toten. ”Im Rain” stand auf dem Zettel, den ihm der Brienzer Polizist gegeben hatte.
Berger suchte am Bahnhof vergebens nach einem Strassenplan des Dorfes. Im Bahnhofsgebäude gab es zum See hin eine Telefonzelle. Er trat hinein, warf zwei Zwanziger in den Automaten und wählte die Nummer der Familie Emil Schild. Während er wartete, dass jemand abnahm, beobachtete er draussen auf dem See einen Angler in seinem Boot.
Eine Frauenstimme meldete sich: ”Schild.”
”Berger von der Kriminalpolizei Thun, Grüessech Frau Schild. Ich würde gerne rasch zu Ihnen kommen wegen Ihres Mieters Küenzli.”
Einen kurzen Augenblick blieb es drüben still.
”Ja, was...”
”Können Sie mir sagen, wie ich zu Ihnen komme?”
”Ja, wo sind Sie denn?”
Die Frau hatte hörbar Mühe, sich zu beherrschen.
Während sie den Weg beschrieb, blickte Berger über die Geleise und den Quai hinaus zu dem Angler in seinem Boot, der seine Rute in einem langsamen Rhythmus hob und senkte. Er hob die Spitze der Rute von der grau schimmernden Wasseroberfläche an, sehr langsam, senkte sie schnell und hob sie von neuem langsam an. Er angelte auf Felchen.
”Danke, Frau Schild”, sagte Berger und fügte mit möglichst freundlicher Stimme an: ”Ich bin dann also gleich bei Ihnen.”
Vom Bahnhof fuhr er weiter auf der Hauptstrasse, die wieder zwischen Reihen alter Holzhäuser, moderner Hotels und Geschäftshäuser eintauchte. Auf den schmalen Trottoirs entlang ausgedehnter Schaufensterfronten gingen Frauen ihren Besorgungen nach.
Links der Strasse öffnete sich die Häuserreihe ab und zu und liess den Blick auf den See frei. Reisecars, Lieferwagen und sonstige Fahrzeuge füllten zu einem guten Teil diese Plätze.
Berger musste bis ans andere Ende des Dorfes fahren. Hier stand eine solide, einfache Kirche, nahe am See von einem Felsen auf eine eindrucksvolle Höhe erhoben. Davor bog er in die letzte Gasse rechts ein, den Hang hinauf.
Die Gasse führte rasch aus dem Dorf hinaus und ging in eine ziemlich steile Kiesstrasse über, die stetig weiter den Hang hinauf anstieg. Es gab hier oben noch vereinzelt Wohnhäuser, zumeist neueren Datums.
Der Hang bestand daneben aus Wiesland, von Hecken unterteilt. Scheunen und Weidhäuser standen da. Etliche alte Obstbäume säumten die Strasse.
Berger achtete auf eine Verzweigung der Strasse, wo Schilds Haus stehen sollte, ein zweistöckiges weisses Haus mit einer angebauten Werkstatt an der Seite.
Er war kaum aus dem Dorf hinaus, kam das Gebäude in Sicht. An dem kleinen Strässchen, das dort quer zum Hang abzweigte, stand es mit einigen weiteren Häusern dicht beisammen.
Berger bog in das Quersträsschen ein und in die Einfahrt vor Schilds Haus.
Man hatte von hier oben einen freien Blick über den ganzen See hinaus bis hinunter nach Interlaken. Die Dächer von Brienz erschienen bis ans Wasser hinunter als eine dichte Ansammlung ziegelroter Vierecke.
Als Berger ausstieg, sah er im Haus unterhalb des Strässchens hinter einem Fenster eine alte Frau, die ihn ebenfalls bemerkt hatte. Sie bewegte sich bei irgendeiner Arbeit, wahrscheinlich an einer Anrichte in der Küche.
Er wandte sich Schilds Haus zu. Es war noch ziemlich neu. In einer Ecke des Grundstücks befand sich ein Gemüsegarten, aus dessen dunkler Erde der Winter unzählige weisse Steinchen herausgewaschen hatte. Vor dem Haus erstreckte sich ein Rasenstück bis zum Strässchen, kleine Bäumchen und Büsche streckten ihre dunklen Zweige über das Gras, das wieder zu wachsen begonnen hatte.
Vor dem Haus stand, unter den Balkon im ersten Stock untergestellt, ein Fahrrad, ein ”Halbrenner”, ein ziemliches Prestigeobjekt für Jungen.
Berger fand auf der Seite des Erdgeschosses eine Eingangstüre mit einer Klingel. Deren Knopf liess sich aber nicht in sein Gehäuse drücken. Es fehlte auch ein Namensschild darüber.
An der Ecke des Hauses sah er die Stufen einer betonierte Treppe. Sie führte hinter dem Haus in den ersten Stock, der hier wegen der Hanglage wieder ebenerdig lag. Dort befand sich eine zweite Eingangstür mit einer zweiten Klingel, die funktionierte. Es gab auch hier kein Namenschild.
Wer hier zu Besuch kam, wusste offenbar, dass er hier richtig war. Berger hatte eher das Gefühl, dass er hier fehl am Platz sei. Die Frau hatte am Telefon gar nicht gut getönt.
Sein Klingeln verursachte im Innern einen langen Zweiklang. Er war noch nicht verklungen, da öffnete eine junge Frau die Türe.
Schon wieder! dachte Berger.
Die Frau war das weibliche Pendant zu den beiden anderen - dem toten Küenzli und dem bleichen Typen im Restaurant. Die Frauen aus jenen Kreisen trugen allerdings noch eindeutigere Zeichen ihrer religiösen Neigungen.
Die Frau hatte ihr umfangreiches Haar in einen glatten Knoten gebunden, mehr noch eine Art Haube, die die Ohren frei liess und die hinter dem Kopf sehr eng und scheinbar nahtlos verschlauft war.
Der unscheinbare Pullover, den die Frau trug, mit einer Reihe Knöpfen unter dem schmalen Kragen, konnte nicht verbergen, dass sie üppige, feste Brüste hatte. Von der Hüfte abwärts verhüllte ein ziemlich langer, schlicht gemusterter Rock den Rest der Weiblichkeit.
Diese Art, sich zu kleiden und zu frisieren, lag noch weiter von der gängigen Mode entfernt, als dies bei den Männern der Fall war. Berger erinnerte sich, schon etliche Frauen dieser ”Rasse” beobachtet zu haben - mit einigem Befremden. Nie trugen sie Hosen. Im Übrigen sah man sie selten allein, ohne Kinder, Männer oder andere Frauen unterwegs.
Berger hätte sich besser mehr mit dem Innenleben der Frau befasst. Denn kaum hatte sie ihn in den Flur gebeten und die Türe geschlossen, fragte sie:
”Ist er tot?”
Sie wartete nicht einmal auf eine Antwort. Ihr Kopf begann seitlich zu zucken, während Berger noch nach Worten rang.
Dann löste sich alle Spannung aus dem kräftigen, jungen Frauenkörper. Als hätte sie eine Kugel in den Rücken getroffen, warf sie den Kopf in den Nacken, fiel auf die Knie, ein Aufschrei, dann fiel sie hintenüber und lag der Länge nach auf dem Fussboden.
Dem Aufschrei folgte ein wildes lautes Weinen, ein Schreien und Heulen. Der Kopf war zur Wand gedreht. Eine Hand umfasste ein Heizungsrohr, das am Boden in einen Heizkörper mündete, sie liess es nicht mehr los, zog den Körper an die Wand, das Gesicht schrie und weinte in den Winkel zwischen Wand und Boden hinein.
Berger stand da ohne sich zu rühren oder etwas zu unternehmen. Bis er bemerkte, dass er nicht mehr allein im Flur stand.
Hinter Bergern hatte sich eine kleine Gestalt genähert. Es war ein Junge von vielleicht zehn Jahren, der aus einem Zimmer in den Flur getreten war.
Er stand ebenfalls da, ohne etwas zu tun oder zu sagen. Er blickte auf seine Mutter hinunter als hätte ihr wirklich jemand eine Kugel in den Rücken geschossen.
”Lauf runter zu der Nachbarin und hol sie her!” sagte Berger zu dem Jungen. Er musste nahe an seinem Ohr sprechen. Das Weinen der Frau erfüllte den engen Flur.
Der Junge gehorchte mit starrer Miene. Er zog sich ein Paar Schuhe an und eilte davon. Als er fort war, beugte sich Berger über die Frau. Er versuchte, sie durch Zureden und Schütteln zur Besinnung zu bringen, ohne Erfolg.
Es dauerte keine zwei Minuten, bis der Junge mit der alten Frau aus dem Haus unterhalb zurück war. Es war eine noch rüstige, umfangreiche Person mit silbrig gewellten Haaren.
Sowie sie ihre junge Nachbarin erblickte, beugte sie sich, noch ausser Atem, über sie.
”Elsbeth, was hast du?”, fragte sie laut und ein wenig ratlos.
Eine Weile redete sie so weiter: ”Hä, was ist, Elsbeth. Hör doch auf, so zu weinen. Hä, Elsbeth, was ist. Was ist. Sag doch.”
Elsbeth Schild drehte zwischendurch das Gesicht von der Wand weg, schien aber nichts zu bemerken und weinte unaufhörlich weiter.
Die alte Nachbarin erhob sich und sagte zu Bergern: ”Wir müssen ihr etwas zu trinken geben.”
Sie fand im Wohnzimmer, das in der Verlängerung des Flurs war, eine Flasche Cognac und ein Glas und brachte beides. Elsbeth Schild wehrte sich nicht gegen den Versuch, ihr etwas von dem Cognac zu verabreichen. Ob sie wahrnahm, was um sie vorging? Nachdem sie aber einen Schluck getrunken hatte, begann das Weinen von Neuem.
Berger nahm dies als Anlass, im Wohnzimmer das Telefon abzunehmen und den Notarzt zu rufen. Wieder zurück im Flur, fragte er die alte Frau, die neben Elsbeth Schild kauerte:
”Ist Ihr Mann Zuhause?”
Sie nickte.
Er winkte dem Jungen, der unbeweglich im Flur stand und unverwandt auf seine Mutter hinabblickte.
”Komm”, sagte er und ging mit ihm hinaus und die Treppe hinunter.
Er lieferte den Jungen beim Nachbarn ab, einem Herrn mit Schnitzlerschürze, an der Holzspäne hafteten.
Berger wartete draussen auf die Ambulanz und rauchte. Das Auf- und Abschwellen der Weinkrämpfe war noch vor dem Haus zu hören.
Es dauerte zwanzig Minuten, bis der Krankenwagen aus dem Dächermosaik von Brienz auftauchte und auf Bergers Winken vor dem Haus einschwenkte.
Der Notarzt verabreichte Elsbeth Schild eine Beruhigungsspritze. Als sie im Wagen untergebracht war, fragte Berger, wohin sie gebracht werde.
”Nach Münsingen”, sagte der Notarzt. Und fügte hinzu: ”Solche Fälle werden prinzipiell in Münsingen behandelt.”
Ins Irrenhaus also!
Das machte nun auch keinen Unterschied mehr. Über die Familie Schild war das Unglück hereingebrochen. Vielleicht schon vor langer Zeit und war jetzt einfach sichtbar geworden.
Die Ambulanz verschwand wieder den Hang hinab. Die Nachbarin stand neben Bergern in der Einfahrt und blickte ihr nach. Jetzt war es wieder still. Nur das leise Rieseln von Wasser in einer Dachrinne war zu hören.
”Kommen Sie noch einen Augenblick mit mir zurück ins Haus?”
Die alte Frau sah Bergern an, als sei er Schuld an der ganzen Sache.
Er stellte sich ihr formell vor, und darauf folgte sie ihm hinter dem Haus die Treppe hinauf und durch den Flur ins Wohnzimmer.
”Haben die Schilds noch mehr Kinder?”
”Vier, es sind insgesamt vier. Drei Knaben und ein Mädchen.”
Berger unterbrach die Frau, bevor sie alle Namen aufzählte.
”Kennen Sie eine Verwandte, die fürs erste ins Haus kommen könnte?”
”Klara Blatter, das ist die Grossmutter der Kinder.”
Berger rief dort an, erklärte um was es ging. Die Grossmutter war bereit, sofort zu kommen.
Ob sie auch zu jener ”Rasse” wie Elsbeth Schild gehörte? Mehr zu sich selber sagte er:
”Frau Blatter ist also die Mutter von Elsbeth Schild.”
”Ja,” sagte die Nachbarin.
Dann war Simon Küenzli nicht ihr Bruder gewesen. Und es war es etwas Anderes, das zu ihrem Zusammenbruch geführt hatte, eine Liebesbeziehung oder irgendwelche dubiose religiöse Bindungen.
”Kannten Sie den Mieter der Schilds?”
”Kannten...?”
”Er ist tot”.
Sie hatte gehört, wie er dies vorhin am Telefon zu der Grossmutter der Kinder gesagt hatte. Trotzdem riss sie ihre Augen weit auf. Sie schien für dramatische Dinge sehr empfänglich zu sein.
”Ich habe ihn nicht gekannt”, erklärte sie ziemlich hart.
”Sind Sie mit Schilds befreundet?”
”Es sind anständige Leute.”
Küenzli und wahrscheinlich auch Berger gehörten offenbar nicht in diese Kategorie.
”Wissen Sie, wo Emil Schild arbeitet?”
”Er hat ein eigenes Geschäft, eine Schreinerei. Wo er gerade arbeitet, weiss ich nicht.”
Es dränge ihn, dieses unselige Haus zu verlassen. Er bedankte sich bei der Nachbarin, der er noch auftrug, den Jungen erst heraufzuschicken, wenn die Grossmutter eingetroffen war.
Da fiel ihm noch etwas ein, das er hatte fragen wollen:
”Warum ist der Junge eigentlich nicht in der Schule?”
Die Neugier der Frau war stärker als ihre Abneigung gegen Männer wie Künzli - oder Bergern. Sie sagte:
”Ja, das habe ich mich auch gefragt.” Und nach einem kurzen Zögern:
”Gestern ist er allein aus der Versammlung nach Hause gekommen. Das heisst, eine junge Frau in einem Auto hat ihn gebracht. Die habe ich hier noch nie gesehen.”
Berger erinnerte sich an das Küchenfenster der Frau, hinter dem sie bestimmt den grössten Teil ihrer Zeit verbrachte.
”Aus der Versammlung?”
”Bei Blatters. Sie sind in der Bruderschaft”
”Bei den Eltern von Frau Schild?”
Sie nickte heftig mit dem Kopf, wobei sie die Augen ungnädig zudrückte. Sie wartete, bis Berger ”aha” gesagt hatte.
”Kurz darauf sind die Schilds auch nach Hause gekommen. Aber die Frau in diesem Auto habe ich noch nie gesehen.”
Sie blickte Bergern an, als könnte er ihr etwas darüber erzählen.
”Wie sah sie denn aus?”
”Wer?”
”Die junge Frau.”
”Ich habe sie nur im Auto gesehen. Sie ist nicht ausgestiegen, hat gewartet, bis Erich hinter dem Haus war und ist dann wieder weggefahren.”
”War sie jung.”
”Ziemlich jung.”
”Haare?”
”Was?”
”Hatte sie die Haare aufgesteckt?”
”Nein, sie hatte lange Haare, dunke Haare, ziemlich ungepflegt.”
”War die Frau hübsch, schlank?”
Berger schrieb in sein Notizbuch.
”Ja, ja, hübsch und schlank.”
”Würden Sie sagen, sie war eher gross oder klein?”
Sie überlegte: ”Normal.”
”Und wie sah das Auto aus?”
”Es war rot und hatte ein rundes Dach. Mit Autos kenne ich mich nicht aus.”
”Gut, würden Sie mir noch Ihren Namen sagen?”
”Ich heisse Emma Flück.”
Sie war jetzt ein bisschen stolz und ängstlich zugleich, dass sie jetzt in Bergers Büchlein aufgeschrieben wurde. Berger liess sie gehen.
Er zog es vor, draussen auf die Grossmutter von Erich Schild und den andern drei Kindern zu warten. Sie kam nicht allein. Ihr Mann brachte sie in einem abgeschossenen, rostigen Opel Kombi. Er kam mit herein.
Beide, Klara Blatter und Ernst Blatter, wie sie sich vorstellten, waren ziemlich dick und trugen einfache Bauernkleider. Er roch nach Stall. Klara Blatter hatte ihre Haare aufgesteckt wie ihre Tochter und trug einen langen Rock, was aber nicht weiter auffiel, da ältere Leute oft so aussahen.
Klara Blatter war bedrückt und traurig. Ernst Blatter wirkte mit seinen groben Bauernkleidern in der recht bürgerlichen Wohnung wie ein Fremdkörper und blickte düster drein.
Gleich nach den Blatters kam Erich von den Nachbarn zurück.
Weder die Grosseltern noch der Junge sagten ein Wort. Sie blickten sich nur einen Moment lang an. Der Junge schien nicht geweint zu haben. Sein Blick erinnerte Bergern an Fotos von Kindern in Kriegsgebieten.
Berger fühlte sich mit den drei Menschen in diesem Haus unbehaglich.
Er wandte sich an Klara Blatter.
”Sie müssen noch in Münsingen anrufen und einige Angaben machen. Ich muss jetzt weg. Später werde ich noch einige Fragen an Sie haben.”
Er gab ihr die Telefonnummer der Psychiatrischen Klinik.
Sie hielt den Zettel spitz zwischen zwei Fingern.
Er blickte den Jungen an, der sich nicht für das Gespräch zu interessieren schien und meist anderswo hinschaute.
Berger war schon in den Flur gegangen, als ihm einfiel, die Blatters zu fragen, wo Emil Schild gerade arbeite.
Klara Blatter wusste Bescheid. Er arbeite wahrscheinlich im Moment bei einem Karl Bäumlin in Meiringen.
Das lag ein Dutzend Kilometer talaufwärts von Brienz entfernt.
Berger bedankte sich bei den Blatters. Erich Schild war im Wohnzimmer geblieben, wo er Bergern, als dieser hinausging, einen flüchtigen Blick zugeworfen hatte.
Als Berger in seinem Auto die Kiesstrasse hinunter ins Dorf rollte, fühlte er sich erleichtert. Er durfte nicht vergessen, gleich seinem Vorgesetzten, Kommissar Neuhaus, zu telefonieren.
Es wäre ihm jetzt beinahe recht gewesen, wenn er den Fall hätte abgeben können. Die Sache behagte ihm nicht mehr so sehr, wie noch vor einer Stunde bei der Brücke in Brienzwiler. Das Schreien der Frau klang ihm noch in den Ohren.
Er beschloss jedoch, Neuhaus den Vorschlag zu machen, ihn noch ein wenig weitermachen zu lassen.
Zunächst wegen des Jungen! Sein trostloser Blick ging ihm nicht aus dem Kopf.
Warum war er nicht zur Schule gegangen?
Und was hatte er mit der fremden Frau zu schaffen, die offenbar nicht zu jener Bruderschaft gehörte?
Elsbeth Schild und der tote Küenzli waren ihm eigentlich ziemlich egal. Das mochte daran liegen, dass sie so wenig an sich hatten, das Berger als menschlich empfand. Sie waren wie Soldaten oder irgendwelche Extemsportler, die einfach an ihrer Bestimmung gescheitert waren.
Er wusste, dass er nicht das Recht hatte, so zu denken. Nicht zuletzt tat er es aus einem gewissen Groll, darüber, dass solche ”Stündeler”, wie man sie verächtlich in den Dörfern nannte, ihre Kinder mit in den Sog religiösen Wahns rissen.
Über die Bruderschaft Christi wusste Berger so gut wie nichts. Es war eine der unzähligen sogenannten Freikirchen, die überall in der Schweiz mehr oder weniger stark in die Landschaft hineinwucherten, ohne dass man viel von ihnen merkte. Diese Bruderschaft gab es auch in Bern, wo Berger aufgewachsen war und wo er bis vor einem Jahr die Ausbildung zum Kriminalinspektor gemacht hatte.
Er erinnerte sich, dass die Bruderschaft sich in Bern in einem ”Vereinshaus” traf, das so angeschrieben war und das sich sonst nicht vor anderen Wohnhäusern in der Stadt unterschied.
In Brienz führten, nach dem, was Schilds Nachbarin gesagt hatte, die Blatters, die Eltern von Elsbeth Schild, so ein Vereinshaus.
Berger steuerte sein Auto aus den Häusern von Brienz hinaus. Der See blieb zurück und machte dem Haslital mit seiner gewundenen Strasse nach Brienzwiler Platz. Die neue Brücke war schon von weitem zu sehen.
Es gab immerhin einen angenehmen Grund dafür, dass Berger an der Sache dranbleiben wollte.
Es hatte mit der Atmospäre in Brienzwiler zu tun. Die Leiche, die er unter den Augen der Dorfpolizisten in seinen Besitz genommen hatte. Er mochte trotz allem diese Arbeit, Schritt für Schritt das Nötige zu tun, das mit einem ungewöhnlichen Todesfall verbunden war.
Dann war da das Restaurant Balmhof, wohin man der kalten Arbeiterwelt entfliehen und vor dem Regen Zuflucht suchen konnte. Und vor allerlei anderen Dingen.
Vor der endlosen Büroarbeit in Thun, vor dem Gefühl, nicht mehr atmen zu können in den überheizten Räumen des Polizeigebäudes, während draussen der Frühling auf sich warten liess.
Jetzt warteten im Balmhof Kollegen auf ihn, im Restaurant, wo es nach frisch gemahlenem Kaffee roch.
Und wo die Serviertochter Esther Lauber Zeitung las und ihre letzten Arbeitstage hinter sich brachte.
Berger hatte Lust, ihr noch ein paar Fragen zu stellen. Wenn er an die Serviertochter dachte, die nicht den hiesigen, urchigen Dialekt sprach, ertappte er sich dabei, dass er die ganze Angelegenheit ein wenig wie ein Abenteuer betrachtete. So als ob er in den Ferien wäre und den Fall Küenzli als völlig Unbeteiligter verfolgen konnte, quasi als Zeitvertreib.
Gedankenlos folgte Bergers Blick oben auf der Brücke der Reihe rotweisser Latten. Die Lücke im Geländer war wieder geschlossen worden.
”Schwer was los hier”, sagte Friedli mit einem ironischen Blick ins leere Lokal, als Berger sich zu ihm und einem weiteren Inspektor aus Thun an den Tisch setzte.
Esther Lauber sass mit einem Mann, der eine Kochschürze trug, am Stammtisch vorne bei der Tür. Sonst war niemand im Balmhof.
”Habt ihr den ganzen Gerümpel dabei?”
Er bestellte Bier wie seine Kollegen.
Sie hatten es nicht eilig mit ihrer Arbeit draussen. Der Regen fiel noch immer in feinen Tropfen vom Himmel, der dicht verhangen kaum ein Vorrücken der Zeit verriet.
Berger gab Friedli, einem der ältesten Inspektoren der Dienststelle, den Schlüssel zu dem orangen Opel Kadett, der oben am Brückenkopf stand.
”Fingerabdrücke?” fragte Friedli.
”Ja. Und staubsaugen. Das ganze Programm. Draussen auf der Brücke steht ein Stapel Zementsäcke. Einer der Säcke ist aufgeschnitten. Da könnt ihr noch fotografieren und vermessen.”
Berger stand auf.
Friedli fragte: ”Und was machst du?”
”Ich versuche, mich möglichst lange vom Büro fernzuhalten.”
Er ging in den Gang hinaus, wo der Telefonapparat hing und wählte die Nummer von Neuhaus. Er nahm sofort ab.
”Na, Berger, wie läuft`s?”
”Haben Sie die neue Brücke hier oben schon mal gesehen?”
”Was willst du damit sagen?”
”Die ist so niedrig, dass man sich höchstens mit einem sauberen Kopfsprung das Genick brechen kann.”
Neuhaus machte am anderen Ende der Leitung ein Geräusch in den Hörer, das zu einem verärgerten Gesicht passte.
”Also kein Selbstmord”, sagte er und gleich darauf:
”Los, Berger, ich habe gerade überhaupt keine Zeit, leider. Du kommst mit der Sache sicher zurecht, oder?”
Das war aufmunternd gemeint. Berger lieferte seinem Vorgesetzten nochmals einen Grund für ein missmutiges Geräusch:
”Ich treffe hier dauernd auf höchst religiöse Leute, von irgend einer Freikirche, Bruderschaft wurde gesagt.”
”Gut, Berger, los, ich habe keine Zeit. Willst du Friedli dabehalten. Der ist doch jetzt auf dem Platz?”
”Ich komme zurecht, wie Sie sagen. Friedli und von Gunten können wieder runterfahren. Ich brauche allerdings einen, vielleicht auch mehrere Tage.”
”Kannst du haben. Und wenn es schwierig wird, lass von dir hören. Wär’s das? Ist das gut, Berger?”
Berger hängte ziemlich zufrieden ein. Er hatte nicht einmal einen Bericht abliefern müssen. Das würde er, weder schriftlich noch mündlich, auch nicht tun, solange Neuhaus sich so beschäftigt zeigte. Er spürte wieder so etwas wie Ferienstimmung aufkommen.
Drittes Kapitel
Die beiden Inspektoren waren nicht mehr im Lokal. Berger setzte sich hinter sein halbvolles Glas Bier und drehte sich eine Zigarette. Er blickte dem blauen Rauch nach, der sich träge in die stille Luft des Lokals ausbreitete.
Von draussen war das Läuten einer Bahnschranke zu hören, bald darauf die Bremsen des Zuges. Berger blickte durch das Fenster, aus dem ein Teil des Bahnhofs, die Tankstelle und die gewundene Strasse nach Brienz zu sehen war, die silbrig glänzte. Dunkelgrün erschien neben dem kleinen Bahnhofsgebäude von Brienzwiler die Lokomotive, Richtung Brienz, und blieb stehen.
Drüben an der Tankstelle stand wieder ein Auto. Der Tankwart stand daneben und nahm durch das heruntergedrehte Fenster Geld entgegen.
Die Lokomotive jenseits der Strasse setzte sich wieder in Bewegung, zog drei Bahnwagen hinter sich her. Berger sah in einem Fenster des Zuges das blasse Gesicht des jungen Typen, der vorhin im Restaurant gesessen hatte. Er sass mit dem Rücken in Fahrtrichtung, hielt den Kopf gebeugt, als beschäftige er sich mit etwas, das auf seinen Knien lag.
Berger blieb noch eine Weile sitzen, stand dann auf und ging hinüber zum Buffet, hinter dem Esther Lauber mit einem weissen Tuch Weingläser ausrieb. Den Mann mit der Kochschürze hörte man draussen in der Küche herumwerken.
”Dieser Küenzli”, begann Berger, ”hat er Sie auch mal auf Himmel und Hölle angesprochen, oder so was in der Art?”
”Er hat mich vor allem beobachtet wie ein Tier.”
”Wie ein Tier?”
”Sass da hinter seinem Kaffee, sagte kein Wort und blickte mich dauernd mit einem blöden Grind an. Aber was interessiert Sie das überhaupt?”
”Wie ich das sehe, war der in irgend einer Sekte.”
Die Frau blickte nicht von ihrer Arbeit auf, zuckte auf Bergers letzte Bemerkung nur mit den Schultern.
”Der Typ vorhin, vor einer Stunde, mit den anderen zwei am Tisch, kannten Sie den auch?”
Esther Lauber blickte Bergern rasch an, um zu prüfen, wohin die Frage zielen könnte. Dann zog sie ihre Mundwinkel weit hinunter, was ihren Zügen sehr entsprach und seltsamerweise nicht unschön wirkte. Sie sagte:
”Ich habe ihn auch schon mal mit diesem Küenzli hier drinnen gesehen.”
”Also kein Zufall, dass die beiden sich derart gleichen - also glichen”.
”Wenn sie meinen.”
”Wer ist dieser zweite?”
”Ich weiss es nicht. Fragen Sie doch den Frutiger, den Gemeindepräsidenten. Der sass vorhin mit ihm am Tisch.”
”Werde ich machen.”
Berger hätte gerne noch etwas gesagt, vor allem etwas Versöhnliches. Die letzte junge Frau, mit der er gesprochen hatte, war jetzt im ”Irrenhaus”, wie das hier in der Gegend hiess. Esther Lauber schien auch nicht sehr erbaut zu sein über das Gespräch mit Bergern.
Er sah seine Ferienstimmung wieder etwas verblassen.
”Was hat Sie eigentlich in diese Gegend verschlagen, Frau Lauber?”
Sie hielt inne, stützte beide Hände mit dem weissen Tuch auf das Buffet, das sie trennte und sah ihn geradewegs ins Gesicht.
”Was soll diese Frage, Herr Gruber?”
”Berger.”
Sie blieb in ihrer Rednerstellung, blickte ihn immer noch an und nickte: ”Herr Berger?”
”Ist nicht so wichtig, Frau Lauber.”
Er grinste sie an.
Sie lächelte nicht, blickte ihn noch einen Augenblick an, stemmte sich dann wieder vom Buffet hoch und warf einen eigenartigen Blick in das leere Lokal, das nach Kaffee roch und ein wenig nach gebratenem Fleisch aus der Küche.
Was tue ich hier? Sowas las Berger aus dem Blick der Frau.
Sie sagte:
”Haben sie nichts Gescheiteres zu tun?”
”Zum Beispiel?”
”Zeugen suchen, mit dem Vergösserungsglas herumwandern, Blutspuren suchen und so was.”
”Die Vermieterin von Küenzli hat einen Nervenzusammenbruch erlitten, als sie von seinem Tod erfuhr.”
Er war sehr zufrieden mit dieser Zwischenbemerkung. Esther Lauber liess sich keine Regung anmerken. Sie war zur Kaffeemaschine gegangen und liess den Dampfhahn in einem mit Milch gefüllten Metallkrug laut aufkreischen.
Er drehte sich eine neue Zigarette. Als der Dampfhahn verstummte, sagte er:
”Was kostet das Bier?”
”Ist schon bezahlt.”
”Nehmen Sie mir meine Fragerei nicht übel. Ich werde jetzt mit meinem Vergrösserungsglas in den Regen hinausgehen.”
Esther Lauber rührte in ihrem Milchkaffee, blickte ihn kurz und ernst an.
”Bis später,” sagte Berger, steckte seine Zigarette zwischen die Lippen und berührte in seiner Manteltasche die Brille des toten Künzli, die immer noch dort steckte.
”Uf Wyderluege”, sagte Esther Lauber, die Tasse in der Hand.
Beim Hinausgehen hätte er sie fast gefragt, was es für ein Menü gebe. Er tat es nicht, erwog aber, später hier zu Mittag zu essen. Ein Lastwagen fegte mit brutaler Wucht auf der Strasse vom Pass herunter vor der Terrasse vorbei. Feine Wassertropfen wehten Bergern ins Gesicht.
Immerhin hatte es endlich aufgehört zu regnen. Die weisse Wolkendecke hing aber immer noch träge und schwer über dem Tal.
Er ging über die Strasse und über den kleinen Platz beim Bahnhof. Ein Nussbaum reckte seine fingrigen Zweige über eine Telefonzelle.
Er wäre lieber zurück ins Lokal gegangen, um bei Schilds anzurufen. Aber er wollte seinen, wie er fand, gelungenen Abgang bei der Serviertochter, nicht verderben.
”Blatter bei Schild...”
”Berger, Grüessech Frau Blatter. Ich war vorhin bei Ihnen, also bei Schilds. Frau Blatter. Sie haben wohl Herrn Schild angerufen?”
”Ja, das habe ich getan.”
”Ist er da?”
”Ja, er ist da, unten in der Werkstatt. Soll ich ihn rufen?”
Eine Minute später meldete sich eine kräftige, angenehme Männerstimme.
”Schild...”
”Berger von der Kriminalpolizei in Thun. Grüessech Herr Schild. Es tut mir leid, was mit Ihrer Frau passiert ist. Ich konnte es leider nicht verhindern.”
Das war gelogen. Emil Schild unterbrach ihn nicht.
”Bitte veranlassen Sie, dass die Räume, die Herr Küenzli bewohnt hat, einstweilen nicht betreten werden. Ich werde Sie bald aufsuchen. Ich nehme an, Sie fahren nach Münsingen?”
Einen Augenblick blieb es still in der Leitung. Dann sagte die kräftige, angenehme Männerstimme:
”Nein, das werde ich nicht tun. Ich fahre nach dem Essen wieder zur Arbeit.”
Stille im Hörer.
”In Meiringen?”
”In Meiringen.”
”Darf ich Sie dort aufsuchen?”
”Das dürfen Sie.”
Der Mann sprach jetzt ein wenig wie ein beleidigtes Kind oder mit jener Härte, mit der man Schwäche überspielen will.
”Gut, Herr Schild. Ich danke Ihnen.”
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf, zusammen mit dem Bild der Frau, die am Boden lag und schrie.
War dieser Schild ein Ungeheuer, dem er jetzt danke sagte und den er weiterwursteln liess? Musste er nicht hingehen und ihn in die Zange nehmen?
Ohne sich viel davon zu versprechen sagte er:
”Herr Schild, hat ihre Schwiegermutter die Sache mit den Kindern im Griff?”
”Den Kindern geht es gut”.
Bergern gefiel die Antwort nicht. Er beeilte sich einzuhängen. Diese Scheissstündeler!
Aber er wollte sich den Herrn Schild ausserhalb seiner vier Wände vornehmen. Dort hätte Berger selber mehr Luft, um gegen diese Atmosphäre anzukommen.
Diese Leute lebten in einer anderen Welt. Je weiter man sie daraus herauszog, um so besser standen die Chancen, den wirklichen Sachverhalt zu klären.
Befriedigend war dies allemal nicht - Sachverhalt!
Warum fiel ihm der Halbrenner ein, das Fahrrad, unter der Veranda des Hauses von Emil Schild? Wie hiess der Junge noch gleich? Erich.
Jetzt sass also die Familie zu Hause, wartete wahrscheinlich darauf, dass Grossmutter den Mittagstisch aufdeckte. Derweil die Mutter in der Klinik in Münsingen behandelt wurde.
Und Emil Schild würde nach dem Essen wieder zu seinem Werkzeug in Meiringen fahren, Geld verdienen, während sein Mieter auf dem Seziertisch in der Insel lag, während seine Frau von Ärzten und Schwestern umsorgt wurde. Am Vortag hatte er noch mit seinem Mieter gesprochen, am Morgen hatte er sich von seiner Frau verabschiedet. Der eine war tot, die andere war aus ihrem Leben herausgeschleudert worden, aus einem hübschen kleinen Nest über dem Brienzersee, in dem vier Kinder sassen.
Und Emil Schild ging zu seiner Arbeit.
Berger suchte im Telefonbuch die Nummer eines reformierten Brienzer Pfarrers heraus. Er war Zuhause. Er stieg in seinen kleinen Wagen, der vor dem Bahnhof stand, und fuhr die paar Kilometer hinunter nach Brienz.
Er fand das Pfarrhaus unterhalb der Kirche am Ende des Dorfes. Ein Gebäude, gebaut für die Ewigkeit, mit mannsdicken Steinmauern, neben einer jahrhundertealten Linde.
Der Pfarrer war ein zeitloses, hochtheatralisches Wesen. Wenn er sprach, hatte man den Eindruck, seine Sätze seien so druckreif wie Bibelverse und wie diese scheinbar unerschütterlich, unbeeinflusst von Zeit und Raum.
”Kennen Sie die Schilds von der Bruderschaft, oder wie das genau heisst?”
Man sass in einem der Arbeitsräume des Pfarrers, einem Büro, das nicht ganz so zeitlos wirkte wie der Mann, der hier zu arbeiten pflegte, Oskar Pfäffli hiess er. Hier waren Bücher, eine Schreibmaschine, die wohl zur Hauptsache sonntägliche Predigten schrieb, Stapel von Zeitschriften und Zeitungen.
”Sie wissen, Herr Berger, wir sind an das Schweigegelübte gebunden. Wir kennen manchen Bruder und manche Schwester dieser Freikirche, ein Sammelbegriff vieler Vereinigungen, deren Ziele oft nicht mit der Lehre Jesus Christi in Einklang stehen, obwohl die meisten dieser sogenannten Freikirchen die Bibel, die heilige Schrift, ihren religiösen Bestrebungen zugrunde legen. Ich kann Ihnen sagen, dass ich die Familie Schild, Emil und Elsbeth Schild, kenne, eine sehr aktive Familie in der Bruderschaft Christi. Sie wissen vielleicht, dass Frau Schild eine gebürtige Blatter ist, und eben diese Familie Blatter hat die Bruderschaft in Brienz angesiedelt. Darf ich fragen, Herr Berger, in welcher Angelegenheit Sie sich für die Familie Schild interessieren?”
Der Mann richtete diese Worte an einen Menschen, der irgendwo zwei Meter hinter Bergern im Sterben liegen musste. Eine eindringliche, langsame, klangvoll betonte Rede, deren Inhalt von der Form weit übertroffen wurde.
”Herr Pfäffli, ich bin als Kriminalbeamter hier und bin gleichfalls an die Schweigepflicht gebunden. Wir würden uns aber sicher besser verstehen, wenn wir diese Formalitäten etwas beiseite lassen könnten.”
”Gut, tun wir das.”
Ein unerwartetes, freundliches Lächeln. Es brauchte nicht viel, um dem Gottesmann näherzukommen. Wie nahe, das wollte Berger gleich herausfinden.
”War Frau Schild bei Ihnen in der Seelsorge?”
”Ja, das war Sie. Aber sagen Sie, Herr Berger, was ist passiert?”
”Sie hatte einen Nervenzusammenbruch, vor einem ihrer Kinder. Ich hielt es für angebracht, sie ärztlich zu versorgen. Sie ist jetzt in Münsingen.”
Daran hatte der Pfarrer zu kauen.
”Ich war mir oft nicht sicher, ob meine Kompetenzen, meine seelsorgerische Arbeit, das richtige seien für Elsbeth Schild. Sehen Sie, sie kam zu mir, wenn ihr das Wasser über dem Kopf zusammenschlug. Sie schätzte unsere Gespräche sehr. Dass es jetzt soweit gekommen ist, muss mich, nein, es stimmt mich nachdenklich.”
”Es sind eine ganze Menge Kinder in diesem Haus.”
”Ja.”
Hinter seinen grossen Brillengläsern breitete sich tatsächlich eine Menge Nachdenklichkeit aus. Womöglich stiegen auch andere Bilder von der jungen Mutter vor seinem geistigen Auge auf.
”Was ist aber vorgefallen?”
”Möglicherweise hat sie ihren Liebhaber verloren, endgültig und ein wenig unerwartet. Er ist tot.”
”Davon weiss ich ja noch gar nichts.”
Das war halb professionelles Interesse, halb offene Betroffenheit. Berger hatte bewusst schnell und hart gesprochen.
”Möglicherweise fällt es nicht in ihren Wirkungskreis, der Tote, meine ich. Er war Mieter bei den Schilds, ein Simon Küenzli.”
”Mir unbekannt. Was ist passiert? - Aber nehmen Sie vielleicht etwas zu trinken?”
Schon die zweite Überraschung in diesem uralten Pfarrhaus. Berger bekam tatsächlich ein Bier, serviert von einer Frau, die nicht unähnlich der Frau Blatter in Erscheinung trat, sogar etwas von Elsbeth Schild hatte.
Frau Pfäffli brachte eine grosse Flasche Rugenbräu und ein passendes Glas.
Berger fand jetzt, dass diese Geste nicht nur Gastfreundschaft war. Damit schuf der Pfarrer die nötige Distanz zu jenen Dingen, die im Frage- und Antwortspiel der Kirche keinen Platz haben, Dinge, die jetzt der junge Inspektor hier verkörperte.
Er hätte gerne eine Zigarette gedreht. Er wollte das gerade hergestellte soziale Gefälle aber nicht noch steiler werden lassen.
Er sah Frau Pfäffli nach, die am Hinterkopf einen kunstvollen Haarknoten trug, nahm einen grossen Schluck Bier, dachte dabei, dass an diesem Morgen eigentlich schon genug passiert sei.
Zu Oskar Pfäffli sagte er grinsend:
”Wo sind wir stehen geblieben?”
”Sie wollten mir sagen, was mit diesem Simon Küenzli passiert ist”.
Pfäffli sass schräg an seinem Schreibtisch am Fenster, schlug jetzt ein Bein über das andere, faltete beide Hände und legte sie bequem auf seinen Oberschenkel.
Berger sass neben dem Schreibtisch auf einem Stuhl ohne Lehnen, sagte: ”So, wollte ich das?” und holte dabei seinen Tabaksbeutel aus der Manteltasche. Vielleicht, überlegte er, würde ja noch einmal Frau Pfäffli mit ihrem Haarknoten hereinschauen und ihm einen Aschenbecher bringen.
Er sagte:
”Er gehörte auch zu dieser Bruderschaft, nehme ich an. Sah jedenfalls ganz danach aus. Warum putzen sich diese Leute eigentlich so raus, Herr Pfäffli?”
Er hörte nur halb hin, während in seinen Fingern eine Zigarette Form annahm.
”Die Bruderschaft benutzt noch das altehrwürdige Wort ´hoffärtig´, um seinen Mitgliedern nahezulegen, eine gewisse, ja eigentlich strenge Kleiderordnung einzuhalten.”
Der Pfarrer liess die Haare aus dem Spiel, die offenbar auch in der reformierten Kirche zu ähnlichen Zwecken verwendet wurden.
Er fragte:
”Hat die Bruderschaft etwas mit seinem Tod zu tun?”
”Darum bin ich ja hier”, sagte Berger und zündete seine Zigarette an, die sofort einen sehr blauen Rauch in dem düsteren Zimmer verbreitete.
”Küenzli stürzte über die neue Brücke in Brienzwiler hinunter. So wie es aussieht, war er nicht alleine, als es geschah, gestern, am Sonntag, das nehme ich mal an.”
Pfäffli stand auf, ging selber einen Aschenbecher holen, stellte ihn neben Bergers Bier, setzte sich wieder und wartete.
”Ehrlich gesagt, Herr Pfäffli, bin ich mir jetzt nicht mehr ganz sicher, ob ich bei Ihnen an der richtigen Adresse bin. Ich wollte mir einen gewissen Wissensvorsprung verschaffen, bevor ich mir die Brüder und Schwestern Schild, Blatter und wer noch alles, vorknöpfe.”
Schnell sagte Pfäffli: ”Verständlich, sehr verständlich, Herr Berger. Es ist auch für uns von der Landeskirche nicht immer einfach, den Zugang zu derlei Leuten zu finden.”
Er hielt ziemlich schnell inne. Berger nahm den Faden auf:
”Richtig, Sie haben gesagt, Elsbeth Schild sei in der Seelsorge gewesen.”
Der Pfarrer hob die Augenbrauen und sagte ziemlich vage:
”Sie ist getauft, wissen Sie, Herr Berger, die Familie Blatter gehörte zur Landeskirche, bevor sie die Führung eines Vereinshauses der Bruderschaft übernahm. Das war, warten Sie einen Augenblick...”
Er griff zielsicher in ein Bücherregal, blätterte in einem dicken Buch, bis er an einer Stelle ankam, wo ein Zettel eingelegt war. Diesen ergriff er und begann, ihn zu entziffern.
”1946 eröffnen Ernst und Klara Blatter, Handwerker und Bauern, in ihrem Haus an der Seestrasse ein Vereinslokal der Bruderschaft Christi. Aktivitäten - wollen Sie das hören?”
Berger nickte.
”Sonntag nachmittag Versammlung, am Morgen Sonntagsschule für Kinder. Dienstagabend Männerchorübung, Donnerstagabend Gebetsstunde, einmal jährlich Evangelisationswoche mit täglichen Gottesdiensten und verstärkter Traktatverteilung. Gottesdienste durch Evangelisten von ausserhalb, verschiedene weitere turnusmässig bediente Vereinslokale in Brienz, Hasliberg, Innertkirchen, Besuche der Gottesdienste in Interlaken, Kiesen und Wattenwil, im Hauptsitz des Vereins. Nach einer Spaltung der Bruderschaft 1967 verbleibt Brienz im konservativen Teil.”
”Gehen die Kinder regelmässig in die Versammlungen am Sonntagnachmittag?”
”Ausnahmslos.”
”Sie wissen gut Bescheid, Herr Pfäffli. Was ist das übrigens für ein Buch?”
Der Pfarrer reichte es herüber.
”Religiöse Vereinigungen in der Schweiz”, las Berger.
Das Buch war ziemlich dick.
”Kann ich mir das mal ausleihen?”
”Ich habe eine Menge Notizen eingesteckt, die ich Ihnen leider nicht überlassen darf. Sie wissen... In der Dorfbibliotheke dürfte das Buch aber aufliegen, wenn ich Sie darauf vertrösten darf.”
”Wissen Sie, was die Blatters veranlasst hat, die Bruderschaft bei sich aufzunehmen?”
Der Pfarrer lächelte ein wenig.
”Ja, das ist eine recht kuriose Geschichte, wenn es nicht tragisch wäre. Man erzählt, die Blatters seien während des Krieges, also lange vor meiner Zeit, wie die meisten arm gewesen. Vater Blatter brachte aber ab und zu zusätzlich etwas Fleisch auf den Tisch, Gewildertes. Dabei, sagt man, wurde er einmal erwischt und landete, da er die Busse natürlich nicht bezahlen konnte, im Gefängnis in Interlaken.
Dort habe sich nun die Bruderschaft an den armen Mann herangemacht, hat ihm wahrscheinlich ordentlich die Hölle heissgemacht, ihn bekehrt und - was für ihn wichtiger gewesen sein dürfte - einen Zustupf in die Familienkasse versprochen, wenn er neben seiner umfangreichen Familie auch die Geschwister des Vereins in sein Haus aufnehmen würde.”
”Bekehrt?”
”Wie bitte?”
”Sie sagten, man habe ihn - bekehrt.”
”Ein überaus wichtiger Begriff! Dies ist der Dreh- und Angelpunkt des Vereinslebens. Zugegeben, auch wir in der Landeskirche reden der Gemeinde ins Gewissen. Die Bruderschaft versteht es aber meisterlich, seine Herde auf einer saftiggrünen Aue zu weiden, sozusagen. Alles ausserhalb des Vereins ist schlecht, wird schlicht als `die Welt` abgetan, wo die Fleischeslust herrscht, irdische Vergänglichkeit dahinmodert, während über den Brüdern und Schwestern des Vereins das Lamm Gottes lockt und flötet, ewige Harmonie verspricht. Bekehrt ist nun ein Mensch, wenn er einsieht, immer nach der Lehre der Bruderschaft, wohlverstanden, dass er in einer wüsten Welt lebt und sich nun vornimmt, in einer anderen Welt, nein, nicht Welt, in Gerechtigkeit, als Kind Gottes in seiner Herrlichkeit zu leben, solange er noch hienieden ist und besonders dann, wenn er von dieser Welt abberufen wird. Wissen Sie, Herr Berger, einfach alles ein bisschen zu Schwarz und zu Weiss.”
Berger hätte gerne etwas gesagt: Schwarz wie die Scham einer Frau, weiss wie der Leib des Gekreuzigten, von dem das Blut tropft, fuhr es ihm durch den Kopf, behielt es aber für sich.
Er drehte sich eine neue Zigarette.
Er sagte:
”Man glaubt also ganz normal an Gott, an ein Leben nach dem Tod, an Jesus als Erlöser?”
”Nein, nein, Sie verstehen mich falsch!”
”Tue ich das?”
”Ja, sehen Sie, sie rauchen hier Zigaretten, trinken Bier, wogegen ich weiss Gott nichts einzuwenden habe, ausser, dass es der Gesundheit schadet und so manches Elend mit sich bringt. Aber, das ist ja das wichtigste: Für die Bruderschaft wären Sie als Raucher und Biertrinker kein Christ, verstehen Sie, kein Christ, und Sie würden staunen, wie man sie als Nichtchristen behandelt, bei denen. Sie könnten nicht Pips sagen und schon hätten die den Gagg in den Hosen, Angst, Sie könnten sie mit Ihrem Huf berühren, und sie würden Sekunde für Sekunde darauf hinarbeiten, dass Sie entweder - eben - bekehrt würden, sich von ihnen bekehren liessen oder so bald wie möglich aus ihrer Nähe verschwänden. Die sind menschenscheu, menschenverachtend...”
Berger sah den Mann fasziniert an. Wieviel war da gespielt, wieviel erlebt?
”Ich habe Ihnen gesagt, dass Elsbeth Schild für mich, sagen wir einmal, eine Zumutung war. Sie war, oder ist wohl noch immer, völlig neurotisch. Ich habe mir ihr Elend angehört, weil ich überzeugt war, dass sie nie zu einem Psychiater gehen würde.”
”Da ist sie ja jetzt doch gelandet.”
Pfäffli rieb sein Kinn wie einen schönen Apfel in den Fingern einer Hand.
”Meiner Treu”, sagte er, ”was für eine Schande”.
”Was meinen Sie?”
”Sie haben sie ja gesehen, Elsbeth Schild. Eine blühende Person.”
Pfarrer Pfäffli war jetzt ein bisschen in Rage geraten. Hinter seinen weitläufigen Brillengläsern bewegten sich die Augen ziemlich schnell hin und her. Berger hütete sich, etwas zu sagen.
”Sie werden mir daraus hoffentlich keinen Strick drehen, Herr Berger. Aber es hilft der Frau wohl eh nichts zu schweigen. Sie konnte keinem widerstehen. Schon die Evangelisten in den Versammlungen bei den Blatters, als sie noch ein Kind war, müssen ihre helle Freude an ihr gehabt haben, um es vorsichtig auszudrücken. Jetzt hat sie eine Menge Kinder und bestimmt schon ebenso viele Liebhaber gehabt. Keine Frage, dass sie das zerfrisst. Mit der Sexualität hält die Bruderschaft seine Schäfchen an der ganz kurzen Leine. Ein Teufelskreis. Der Mensch ist ja schlauer als ein Hund, und wenn er keinen Sex ausserhalb der Ehe hat, dann träumt er wenigstens davon. Umsomehr, wenn bereits das Kind eingeimpft bekommt, wie schrecklich alles unterhalb des Bauchnabels ist. Und mit jedem Traum, mit jedem Blick unter dem Zaun hindurch, oder sogar mehr, zieht sich das Halsband enger zusammen. Eine Schweinerei. Ich weiss nicht, ob ich mich deutlich ausdrücke. Ich denke, Herr Berger, Sie sehen auch in so manchen menschlichen Abgrund. Bei Elsbeth Schild ist es eine bodenlose Tiefe.”
Hätte sich der Mann nicht so eisig an seine wohlklingende Redeweise gehalten, wäre Berger sicher gewesen, dass neben dem scharfen Licht auf der Stirne des Gottesmannes Schweiss glänzte.
Berger hatte geraucht, gelauscht, hatte Elsbeth Schild durch den blauen Rauch der Zigarette am Boden liegen sehen, wie sie schrie, sich wand. Und er spürte die Augen des Jungen in seinem Rücken.
Er drückte seinen schmalen Zigarettenstummel im Aschenbecher aus, liess das Bier halbvoll auf dem Schreibtisch des Pfarrers stehen und stand auf.
”Ich danke Ihnen, Herr Pfäffli.”
”Nichts zu danken. Herr Berger, ich weiss nicht, ob ich viel Freude habe, Sie nochmals zu sehen...”
Er lächelte, wie nach einer gewonnenen Schlacht, wie immer wohl, Pfarrer sind absolute Gewinnertypen.
”...aber ich würde mich doch sehr interessieren, was Ihre Ermittlungen im Weiteren im Bezug auf die Bruderschaft ergeben. Vielleicht führt Sie ihr Weg nochmals hierher, ja, ich würde mich doch freuen. Ich bringe Sie hinaus.”
Im Treppenhaus roch es nach Mittagessen. An der Türe gab er dem Pfarrer die Hand, der sofort wieder hinter seinen dicken Mauern verschwand. Bergers kleiner Wagen stand am See auf einem kleinen Parkplatz, der zu einem Hotel gehörte. Der See hatte ein wenig seine Farbe geändert, seit es nicht mehr regnete und der Himmel etwas lichter geworden war. Die Berghänge am anderen Ufer warfen dunkles Grün von dichten Tannenwäldern auf die glatte Oberfläche des Sees. Es war sehr still an diesem Ende des Dorfes. Es war wenig Verkehr, still in den Häuserreihen hinein ins Dorfzentrum. In den meisten Häusern sass man bereits beim Essen.
Berger warf einen Blick die Strasse hinauf, die neben dem Pfarrhaus in den „Rain“ hinaufführte, wo Schilds Haus stand. Er steuerte seinen Wagen aber auf die Strasse hinein ins Dorf und fuhr nach Brienzwiler.
Bevor er in dem Balmhof trat, wo er etwas essen wollte, führte er in der Telefonzelle beim Bahnhof zwei kurze Gespräche.
Frischknecht, der Brienzer Arzt, der die Leiche untersucht hatte, konnte nicht viel sagen.
”Ich habe den Mann nicht näher angeschaut. Die Todeszeit schätze ich auf Sonntag, Nachmittag bis früher Abend. Die genaue Todesursache war nicht Sache meiner Untersuchungen.”
”Ihre Einschätzung?”
”Bestimmt Genickbruch, aber es können auch andere Verletzungen festgestellt werden. Ich habe den Mann nicht weiter untersucht. Gehen Sie von Mord aus?”
”Was veranlasst Sie, dies zu fragen?”
”Die Brücke... nicht eben hoch, nicht?”
”Ja. Entschuldigen Sie nochmals, dass ich Sie beim Essen gestört habe. Besten Dank.”
Die Bahnhofuhr zeigte auf halb Eins. Berger blätterte im Telefonbuch von Brienz weiter nach Brienzwiler und wählte eine neue Nummer.
”Frutiger”, meldete sich eine tiefe Männerstimme.
”Berger von der Kriminalpolizei in Thun. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Es geht um den Toten unter der Brücke. Sind sie der Gemeindepräsident von Brienzwiler?”
”Der bin ich.”
”Sie haben mich vielleicht am Morgen im Balmhof gesehen. Sie sassen mit zwei Herren am Tisch. Ich interessiere mich für den Jüngeren der beiden. Verraten Sie mir bitte, wer das ist?”
”Das ist einer der Ingenieure der BBI”.
Blumer Bau Interlaken, die Firma, die Küenzli angestellt hatte.
”Aha, und wie heisst er?”
”Daniel Freuler, was wollen Sie denn von dem?”
Er betonte das „dem“ ein wenig abschätzig.
”Daniel Freuler”, wiederholte Berger langsam, während er, den Hörer eingeklemmt, in sein Notizbuch schrieb.
Viertes Kapitel
„Das hier soll ich Ihnen geben“, sagte Esther Lauber, als sie an Bergers Tisch kam. Er sass wieder dort, wo er hinüber zur Tankstelle sah und die Ankunft und Abfahrt der Züge auf dem kleinen Brienzwiler Bahnhof beobachten konnte.
Er hatte nicht an den Autoschlüssel gedacht. Die Serviertochter legte ihn rasch auf den Tisch, als wolle sie damit nichts mehr zu tun haben.
An Bergers Tisch war nicht aufgedeckt.
„Was haben Sie für ein Menü?“
Es gab Fleischvögel. Berger bestellte welche, dazu einen Dreier Weissen. Er hatte ziemlichen Hunger.
Am runden Stammtisch neben der Tür waren Chauffeure bereits beim Kaffee. An zwei weiteren Tischen zur Strasse hin wurde noch gegessen, alles Männer, die ihre Mittagspause hatten. Keine Arbeiter. Diese assen wohl in einem Baustellenwagen oder in einer Unterkunft irgendwo an der Strecke der künftigen Autostrasse. Ein Mann in der Uniform der SBB säbelte sich zügig durch den Inhalt des Tellers auf seinem Tisch. Esther Lauber brachte Bergers Besteck und ziemlich rasch das Essen.
Er ass hungrig aber ohne grosse Lust das mit Speck eingewicktelte Fleischbrät, das Gemüse, das seit einem halben Jahr keine Erde mehr gesehen hatte und das Häufchen Nudeln, das zu wenig nach Butter und sonst gar nichts schmeckte.
Esther Lauber stand hinter dem Buffet, eine Faust in die Hüfte gestemmt und betrachtete ihre Kundschaft mit der Miene von jemandem, der vor einem Einzahlungsschalter der Post Schlange steht. Berger fragte sich, ob ein Teil ihrer zur Schau gestellten Verdrossenheit auf sein Konto ging. Sie sah fabelhaft aus.
Ein wenig träge von der schnellen Mahlzeit und ein wenig benommen von Bier und Wein ging er, ohne Kaffee bestellt zu haben. Er blinzelte, als er hinaustrat. Der Himmel wurde immer lichter.
Er schritt die hundert Meter die Brünigstrasse hinauf zum Brückenkopf, wo Küenzlis Kadett stand. Das Orange des Wagens leuchtete kräftig im Mittagslicht, das nur noch durch eine dünne hohe Wolkenschicht gedämpft wurde.
Er öffnete die Fahrertür und stieg ein. Überall im Wagen waren die Spuren der Arbeit seiner Kollegen zu sehen, dunkle und helle Flecke von Puder am Steuerrad, am Spiegel an den diversen Griffen und Knöpfen.
Berger öffnete das Handschuhfach. Es enthielt die Wagenpapiere, eine Strassenkarte, ein angebrochenes Paket Papiernastücher und anderen Kleinkram.
Auf dem Rücksitz lag eine schwarze Mappe aus Kunstleder mit einem Reissverschluss.
Berger ergriff sie. Darunter kam eine handliche Bibel zum Vorschein, in echtes schwarzes Leder gebunden, mit goldenen Schriftzeichen auf dem Rücken.
Er holte beides nach vorne. Die Mappe enthielt ein abgegriffenes numerisches Register bis 130. In den einzelnen Abteilen steckten ältere und neuere Notenblätter, Chorlieder mit Titeln wie „Auf Adlersschwingen getragen“ oder „Am Kreuz von Golgatha“.
Berger blätterte die Bibel durch. Einzelne Stellen waren angestrichen. Ein seidenes Stoffband, das zum Einband gehörte, war im neuen Testament zwischen die Seiten geklemmt. Er las flüchtig einige Zeilen. Sie waren überschrieben mit „Jesu Abschiedsreden an die Jünger“.
Er blätterte weiter.
Bei den Psalmen fand er eine lose eingesteckte Hochglanzkarte, eine halbe Seite breit und nicht ganz so hoch wie die Buchseiten. Sie zeigte eine fotografierte Landschaft, ein Sonnenauf- oder untergang über einer tiefroten Wasserfläche. Eine Palme stand schwarz im Vordergrund. Völlig unpassend dazu in schnörkeliger Schrift darunter gedruckt der Spruch: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, ich fürchte kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab, der tröstet mich“.
Die Karte steckte dort in den Psalmen, wo dieser süffige Text aus der Feder Davids zu finden war.
Berger drehte die Karte um und las ganz unten in der Ecke sorgfältig und klein hingeschrieben:
„In ewiger Liebe, Helene F.“
Die nüchterne, unreife Schrift passte nicht zu den mächtigen Worten - ewige Liebe. Er fragte sich einen kurzen bösen Augenblick lang, wessen Stecken und Stab Helene F. mit dieser Botschaft gemeint hatte.
Er steckte die Karte bei sich ein, blätterte das Wort Gottes nochmals von hinten nach vorne durch, legte das Buch zu der Mappe auf den Beifahrersitz und stieg aus.
Im Kofferraum lag auf einer Decke Küenzlis Kittel. Dessen Taschen waren leer.
Berger ging hinunter zum Bahnhof, stieg in seinen kleinen Wagen und fuhr über die alte Aarebrücke. Die Strasse nach Meiringen lag schnurgerade entlang des kanalisierten Flusses. Rechts der Strasse weites Weideland, dazwischen dunkle Felder, in denen die Maisstorzen der letztjährigen Ernte wie abgekämpfte Armeen in Reih und Glied standen.
Meiringen hatte einen ganz anderen Charakter als das nahe Brienz. Nicht des fehlenden Sees wegen, und auch die nahen schroffen Felswände, die tiefen Taleinschnitte hinauf zu den Pässen Grimsel und Susten gaben dem etwa gleich grossen Dorf nicht das entscheidende Gepräge. Der eher städtische Charakter von Meiringen, mit den soliden Steinbauten, den breiten Strassen, die von misshandelten Bäumen gesäumt waren, war zustandegekommen, als das Dorf vor noch nicht hundert Jahren fast vollständig niederbrannte. In einer unheimlichen Föhnnacht hatte das Feuer die traditionellen Holzhäuser wie Strohhütten verschlungen. Sie wurden in jenen guten Zeiten des Fremdenverkehrs nicht wieder aufgebaut, man konnte sich sicherere und dem Wohlstand angepasste Behausungen hinstellen.
Bäumlins Haus war leicht zu finden.
Es war wie die meisten an der Hauptstrasse dreigeschossig mit einem zusätzlich bewohnbaren Dachgeschoss. Das Erdgeschoss bestand zur Strasse hin aus zwei grossen Schaufenstern rechts und links einer gläsernen Ladentüre. Über der Schaufensterfront stand mit eisernen, dunkelgrauen Buchstaben geschrieben: Bäumlin Sattlerei und Lederwaren.
Die Schaufenster waren staubig und verschmiert, der düstere Innenraum war vollkommen ausgeräumt, soweit Berger sehen konnte. Die Fenster in den beiden obersten Geschossen waren durch provisorische Abdeckungen ersetzt worden. Über den Fenstern, besonders im Dachgeschoss, war die helle Putzfassade von deutlichen, dunklen Rauchspuren verfärbt.
Der Eingang zu den Wohnungen lag auf der Seite, in einer engen Zufahrt zwischen den Häusern. Die Klingelknöpfe schienen nicht zu funktionieren. Berger trat ins Treppenhaus, in dem es schwach nach Brand roch, vermischt mit den Gerüchen von frisch verarbeitetem Holz und Zement. Eine offene Türe führte ins leere Ladenlokal.
Der erste Stock hatte nur eine Türe, deren obere Hälfte aus Glasfenstern bestand, die im Innern von einem Vorhang verdeckt wurden. Eine Klingel oder ein Schild gab es nicht.
Berger hörte im Innern Geräusche. Er klopfte an eine der Glasscheiben.
Berger war am Rande darauf gefasst, wieder einen reinrassigen Bruder oder eine noch astreinere Schwester zu sehen zu bekommen. Schilds gegenwärtiger Bauherr war aber nicht von dieser Art, wenigstens nicht ganz.
Es war wohl Karl Bäumlin persönlich, der vor ihm in der geöffneten Türe stand. Jedenfalls verkörperte er vorzüglich den Typ eifriger Geschäftsmann, dem mal eben das Haus über dem Kopf weggebrannt ist.
Berger sagte sein Sprüchlein, worauf er nur ein „Ah ja?“ erwidert bekam. Unmöglich zu sagen, was der andere dachte. Er war über die Fünfzig hinaus, reichte Bergern etwas über das Kinn herauf, hatte ein Bäuchlein, über das sich ein ziemlich feines Hemd spannte, machte ein wenig einen Buckel und trug darauf einen unsteten Kopf. Die vollkommen weissen, dichten Haare waren so weit als möglich von einer Seite zur anderen gekämmt, was dem Mann ein verwegenes Aussehen verlieh, das er nicht verdiente.
Er blickte Bergern mit einer wahrhaften Fratze an, einem erstarrten Lächeln, das sich hinter dem Ladentisch wohl leidlich gut machte, das der Mann aber vermutlich wie auf Knopfdruck aufsetzen und durch alle Gefühlsregungen hindurch beibehalten konnte, ob es passte oder nicht.
„Und was kann ich für Sie tun?“, fragte er über einen unsichtbaren Ladentisch hinweg. Seine breiten Augenschlitze waren nur so weit geöffnet, dass kaum die Pupillen sichtbar waren. Diese glühten jedoch vor Ungeduld und allerlei anderen Unarten, die Berger nicht einordnen konnte.
„Bin ich hier richtig bei Karl Bäumlin?“
„Das bin ich. Aber was...?“
Das Lächeln hatte sich nicht einen Millimeter verschoben.
„Emil Schild arbeitet doch gegenwärtig hier im Haus. Ist er schon da?“
Berger blickte kühl in die lächelnde Fratze und sprach nicht eben höflich.
„Nein, leider noch nicht, leider noch nicht.“
Bergern schien, als überlegten die dünnen Augenschlitze, während der Mund sprach, was weiter zu tun sei, nicht nur ungeduldig, sondern auch etwas ängstlich. Er konnte sich aber täuschen.
Er fixierte Bäumlin scharf und sagte:
„Dann komme ich etwas später wieder, nicht?“
Bäumlin sagte „ja, bitte, bitte“, kehrte sich im Türrahmen um, behielt auch jetzt noch seine Züge in dasselbe Lächeln verzogen. Sein Buckel verschwand hinter der Türe, die sich vor Bergern schloss.
Er ging in ein nahes Restaurant, trank Kaffee und rauchte. Er holte aus seiner Manteltasche das Portemonnaie von Küenzli hervor. Das feuchte Leder fühlte sich unangenehm an. Er klappte es auf. Die paar kleinen Geldscheine, die säuberlich im grossen Fach eingelegt waren, waren ziemlich trocken geblieben, wie auch der Fahrausweis.
Küenzli war 1948 geboren - gestorben mit 26 Jahren - Heimatort Olten, Adresse ebenfalls in Olten.
Berger überlegte, ob jemand, ausser ihm, dort angerufen haben konnte. Vielleicht Schild oder Blatters. Wahrscheinlich.
Er durchsuchte die weiteren Fächer des Portemonnaies. Eine Visitenkarte einer Autogarage in Brienz kam zutage, und ein weisses gefaltetes Stück Briefpapier.
Berger faltete es auf und blickte auf das wenige, das darauf schnell notiert worden war. Es war nur ein Wort und darunter eine Zahl.
Helvetia, 120 000.
Eine Weile rätselte er herum, was es damit auf sich haben mochte. Helvetia konnte verschiedenes bedeuten: eine Briefmarke, ein Hotel, eine Versicherung, ein Verein. Die Zahl konnte zu all dem passen. Seltsam war einerseits, dass Küenzli so eine einprägsame Information schriftlich in seinem Portemonnaie herumtrug. Vielleicht hatte er nur ein schlechtes Gedächtnis. Andererseits konnte sich Berger keinen Reim darauf machen, was ein kleiner Hilfsarbeiter mit so grossen Zahlen zu tun hatte. Es war aber ein toter kleiner Hilfsarbeiter.
Als Berger wieder zu Bäumlins Haus kam, stand das Firmenfahrzeug eines Elektrikers auf dem breiten Trottoir. Zwei Männer in blauen Hosen und Jacken trugen Leitungsrohre in den Laden.
Aus einem der oberen Geschosse war das Kreischen einer elektrischen Säge zu vernehmen. Auf dem Platz auf der Rückseite des Hauses sah Berger ein weiteres Transportfahrzeug, das vielleicht dem Schreiner Emil Schild gehörte.
Er stieg gleich in den zweiten Stock hoch, wo hörbar mit Holz gearbeitet wurde. Eine Türe stand weit offen. In einem stillen Augenblick klopfte Berger an den neu eingesetzten Türrahmen und trat in den Raum, dessen Boden noch aus rohen Faserplatten bestand.
Emil Schild legte nahe an den Fensterlöchern zur Strasse hin einen Stapel Täfer auf zwei Böcke und drehte sich zu Bergern um.
Er war in Bergers Alter, ziemlich jung für vier Kinder, fand Berger, der selber keine Familie hatte. Er war nur wenig kleiner als der Inspektor, ebenso kräftig gebaut, mit runden, stattlichen Schultern. Er hatte die Ärmel hochgekrempelt und eine Menge Sägemehl hatte sich auf einem kräftigen Unterarm in den dichten dunklen Haaren verfangen.
Er wandte Bergern ein intelligentes, ausgesprochen schönes Gesicht zu. Über seiner hohen Stirne war der Haaransatz bereits einige Zentimeter nach oben gewandert, nicht zu seinem Nachteil und die Schläfen zeigten im dichten, dunklen Haar ein wenig Grau. Freilich hatte er die Haare kurz geschnitten, neben den Ohren unüblich weit nach oben rasiert. Ansonsten zeigte sein Gesicht die Spuren eines leidenschaftlichen Charakters, Spuren von viel Lust, was sich vielleicht nicht eben gut mit einer Vereinigung wie der Bruderschaft Christi vertrug, oder eben gerade sehr gut, je nach dem, wie man es auffasste.
Nach einem ersten kurzen Blick zu Bergern sagte Emil Schild schon von weitem, indem er eine etwas bemühte Autorität in seine Stimme zu legen versuchte:
„Hören Sie, Herr Berger. Ich hoffe, Sie machen es kurz. Viel gibt es da nicht mehr zu besprechen, oder?“
Er erwartete Bergern in aufrechter Haltung, presste seine vollen Lippen fest und herausfordernd aufeinander, hielt die Augen ein wenig zugedrückt, seine Nasenflügel blähten sich auf.
Berger trat so nahe an den Mann heran, bis er noch knapp zwei Meter von ihm entfernt war. Beinahe hätte er gelächelt. Er überlegte, was er sagen sollte.
„Herr Emil Schild?“
„Jawohl“.
„Zu besprechen gibt es vielleicht nicht mehr viel, Herr Schild. Aber ich habe ein paar Fragen, die mir wichtig sind. Ich bitte Sie also, sich vorerst ein paar Minuten Zeit zu nehmen.“
Schild schlug beide Arme übereinander, so dass etwas Sägemehl zu Boden fiel. Er sagte nichts.
Berger suchte nach dem richtigen Einstieg.
Er sagte:
„Ich will Ihnen gleich sagen, worum es mir geht. Küenzli war wahrscheinlich nicht allein auf der Brücke, kurz bevor er hinunterstürzte. Ich will nicht sagen, es war Mord oder Totschlag. Aber ich will wissen, was passiert ist. Vielleicht haben Sie recht, und Sie sind nicht der richtige Ansprechpartner für mich. Immerhin hat Küenzli bei Ihnen gewohnt. Sagen Sie, Herr Schild, hatte Küenzli in Olten Familie?“
Einen Augenblick dachte Schild nach, wobei er auf den Boden starrte. Dann sagte er:
„Ich habe sie benachrichtigt.“
Mehr brachte er nicht heraus. Berger spürte eine Menge Emotionen bei seinem Gegenüber. Immerhin hatte der vierfache Familienvater gerade, vielleicht zum ersten Mal, ohne seine Frau zu Hause gegessen, unter schlimmen Umständen.
„Kennen Sie die Leute persönlich?“
„Ja.“
„Küenzli kam also nicht als Unbekannter zu Ihnen ins Haus?“
Er nickte nur mit dem Kopf. Die Frage war zu wenig stark gewesen, um in sein aufgewühltes Wesen zu dringen.
„Waren Sie gestern gemeinsam in der Versammlung?“
Berger warf diesen Insiderbegriff hin, in einem Ton, als wüsste er ziemlich gut Bescheid. Es fiel Schild nicht auf.
„Wie jeden Sonntag.“
„Ist Ihnen nichts aufgefallen?“
„Nein.“
„Assen Sie bei sich Zuhause gemeinsam?“
Der Mann schaute einen Augenblick lang durch Bergern hindurch. Konzentriert sagte er dann:
„Ja, das taten wir. Was soll die Frage, Herr Berger?“
Viel Widerstand lag nicht in diesen Worten. Eher Angst, eine alte, dumpfe Angst, gross genug, um ein Leben schwer zu machen, zu klein, um es zu zerstören.
„Ist Ihnen Zuhause nichts Ungewöhnliches aufgefallen, das mit dem Tod von Küenzli in Verbindung stehen könnte?“
„Nein.“ Er überlegte keine Sekunde.
„Wie war das gestern. Fuhr Küenzli in seinem eigenen Wagen in die Versammlung?“
„Ja.“
„Wann war diese zu Ende?“
„Um Viertel nach Drei.“
Berger hatte den Eindruck, dass Schild das Frage- und Antwortspiel irgendwie zu geniessen schien, ja, das war der richtige Ausdruck, wie ein Bergsteiger, der eine hochgefährliche Traversierung in Angriff nimmt.
Das missfiel Bergern.
Er ging an Schild vorbei, stellte sich neben eines der abgedeckten Fenster, die viel Licht, ein wenig Kälte und etwas Strassenlärm hereinliessen, deren Abdeckung aus Plastik aber trüb war, so dass man nicht hindurchsehen konnte. Er nahm Tabak und Papier hervor und drehte sich eine Zigarette.
Ohne Schild anzusehen fragte er:
„Er fuhr allein wieder weg?“
„Das weiss ich nicht. Er ging vor uns. Wir bleiben meist noch im Haus zum Zvieri. Er ging schon vorher.“
„Blieb er sonst auch zum Zvieri?“
„Hin und wieder.“
Berger steckte sich seine Zigarette an, blies unbewusst eine Menge Rauch in Richtung seines Gegenübers, dem er jetzt in die Augen blickte.
„Ihre Familie war vollzählig in der Versammlung, nehme ich an. Wohin gingen Sie anschliessend?“
„Wir fuhren nach Hause.“
„Um welche Zeit war das?“
„Das wird so um vier Uhr gewesen sein.“
„Ihre Frau und ihre Kinder, wie viele sind es...“
„Vier...“
„Ja, vier, sie fuhren alle gemeinsam nach Hause?“
Schild schien einen Augenblick zu überlegen. Die Lüge kam durch eine weitere blaue Rauchwolke, die Berger ausstiess.
„Ja.“
So schnell, wie Schild sich das wünschte, würde die Sache nicht zu Ende sein, dachte Berger. Er suchte nach Worten.
„Herr Schild, haben Sie eine Vermutung, was Küenzli auf der Brücke vorhatte, an einem Sonntagnachmittag, wenn wir mal annehmen, dass er sich nicht das Leben nehmen wollte?“
Schild sah so aus, als hätte er gerne etwas dazu gesagt. Es fiel ihm aber offenbar nichts ein.
„Nein.“
„Hat er vielleicht jemanden von der Versammlung Richtung Brienzwiler oder Meiringen nach Hause gefahren?“
Während Schild noch überlegte, sagte Berger, einer Eingebung folgend:
„Bäumlin?“
Sofort schüttelte Schild den Kopf, angestrengt überlegend. Er sagte:
„Möglich wäre es, ich glaube es aber nicht. Er nimmt gewöhnlich den Zug.“
Über Schilds diverse Emotionen schien sich eine gewisse Unsicherheit, ein Unbehagen zu legen. Jetzt lächelte Berger ein ganz klein wenig - vielleicht sah es Schild nicht einmal - als er sagte:
„Mir scheint, Herr Bäumlin hat nicht ganz die Art eines Mitgliedes Ihrer Bruderschaft. Er besucht regelmässig die Versammlungen?“
Das Thema schien Schild nicht zu behagen. Er wich aus.
„Ich wäre froh, wenn Sie Ihre Fragen auf das Nötigste beschränken würden. Ich habe zu tun, ich muss bald Küenzlis treffen, ich habe vier Kinder Zuhause... Sie können Ihn ja selber fragen. Er ist unten im ersten Stock.“
Von seiner Frau sagte er nichts.
„Gut, Herr Schild, das werde ich tun. Sagen Sie mir bitte noch: Was war Küenzli von Beruf?“
„Er war Koch.“
„Gut, und weiter: hatte er geschäftliche Beziehungen zu Gaststätten, Hotels undsoweiter?“
Schild schüttelte den Kopf. Er glaubte, so schien es Bergern, aus dem Schneider zu sein.
„Hatte er mit Versicherungen zu tun?“
Wieder Kopfschütteln. Mechanisch zog Schild seinen Meter aus der Tasche an der Seite seiner Schreinerhose, klappte ihn mit einer glatten Bewegung zwei Glieder weit auf. Er war im Geist vielleicht schon wieder bei seiner Arbeit, die ihm wahrscheinlich das alles erträglich machte.
„Sammelte er Briefmarken?“
Ein forschender Blick, als ob Berger ihn hochnehmen würde.
„Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen“, antwortete er ziemlich geschwollen.
„Ich danke Ihnen, dass Sie mir Ihre Zeit geopfert haben, Herr Schild. Vielleicht habe ich später noch Fragen. Sie bleiben ja wohl im Land?“
Berger verliess den Raum. Der Schreiner blickte ihm nach, den Meter immer noch in der Hand.
Berger klopfte im ersten Stock an eine der Glasscheiben der Türe. Eine Frau in Bäumlins Alter öffnete, eine bestickte Schürze umgebunden.
„Frau Bäumlin?“
„Ja, was wünschen Sie?“
„Ist ihr Mann nicht da?“
„Nein, er ist nicht da.“
Sie sagte es, als habe es einige Bedeutung. Dann wagte sie zu fragen:
„Sind Sie von der Polizei?“
„Ja, verzeihen Sie, ich war vorhin schon da, Berger ist mein Name. Das ist aber komisch. Gerade noch sagte mir Herr Schild oben, ich würde ihn hier antreffen.“
„Er ist auch nur kurz weg. Er traf sich mit einem Vertreter.“
Wieder die bedeutungsvolle Stimme, als sage sie ein schlecht einstudiertes Gedicht auf.
Berger stocherte ein wenig herum:
„Hier in Meiringen?“
Die Frau war grösser aber um einiges dünner als ihr Mann. Sie trug die Haare aufgesteckt, was aber in ihrem Alter lediglich bedeutete, dass sie einer schlichten Lebensweise verpflichtet war. Sie geriet ein wenig aus der Fassung.
„Er hat mir... ich weiss nicht, wo er sich mit dem Vertreter trifft. Aber er wird bald zurück sein. Soll ich...?“
„Um was für einen Vertreter handelt es sich denn?“
„Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Soll ich Ihm etwas ausrichten, wenn er zurückkommt?“
„Lassen Sie nur, Frau Bäumlin. Ich melde mich vielleicht wieder. Besten Dank auch.“
Er hatte sich schon halb abgewandt, da richtete er seinen Blick nochmal auf die Frau und sagte:
„Da fällt mir noch etwas ein. Sie wissen ja wahrscheinlich, worum es geht. Erlauben Sie mir deshalb die Frage: Besucht Ihr Mann die Versammlungen der Bruderschaft Christi schon lange?“
Die Frau wollte sich offenbar gut stellen. Sie legte den spitzen Knöchel eines Zeigefingers an ihre Lippen und sagte:
„Warten Sie mal... nein, er ist erst einige Male hingegangen. Ist daran etwas nicht in Ordnung?“
„Durchaus nicht, Frau Bäumlin, alles in Ordnung. Ich muss mir einfach ein Bild machen. Sind Sie denn nicht auch hingegangen, in diese Versammlungen?“
„Bis jetzt nicht“, sagte sie bescheiden.
„Verraten Sie mir noch, wie Ihr Mann dazu kam, in die Bruderschaft zu gehen?“
Er lächelte ziemlich breit, dachte dabei an Karl Bäumlin, der vielleicht auch mit einem Lächeln bei ihr erreichte, was er wollte. Sie gab das Lächeln, wenn auch mit einiger Anstrengung, zurück und sagte:
„Ja, das war, wie soll ich sagen, Emil - Herr Schild, der uns die Schreinerarbeiten macht - mein Mann verstand sich sofort gut mit ihm. Und er ging mit ihm dann einmal mit.“
„Sie kannten Emil Schild vorher nicht, bevor er hier arbeitete?“
„Nein, erst seit dann.“
Sie standen immer noch im Treppenhaus, das nach Brand und Bauarbeiten roch. Aus den warmen Räumen hinter der Frau wehte hin und wieder der kräftige Geruch von Leder heraus. Eine Mittagsmahlzeit hing noch zwischen dem Ledergeruch, die Bäumlins vielleicht nur behelfsmässig hier im ersten Stock zu sich nahmen. Das zweite Obergeschoss war ihre eigentliche Wohnung, während ein Teil der Werkstatt im ersten Stock eingerichtet war.
Die ganze Zeit, in der sie sprachen, horchte Berger mit einem Ohr auf die Geräusche im oberen Stock. Es war absolut still.
Berger verabschiedete sich. Während er die Treppe hinunterstieg, verspürte er, wie schon vor Mittag am Telefon, den Drang, Schild in die Zange zu nehmen, gleich noch einmal zu ihm hinaufzusteigen und ihn mit der Aussage der Nachbarin zu konfrontieren, die gesehen haben wollte, dass eines seiner Kinder, Erich, am Sonntagnachmittag von einer fremden Frau, die nicht zur Bruderschaft zu gehören schien, nach Hause gebracht worden war.
Er hielt es aber für klüger, den anderen noch ein wenig sein zu lassen. Er war sogar ziemlich zufrieden mit dem neusten Stand der Dinge. Seit er am Morgen die Leiche des toten Küenzli gesehen hatte, fühlte er zum ersten Mal, dass Bewegung in die Sache kam. Schild hatte ihn geradewegs angelogen, dessen war sich Berger sicher.
„Und wenn ein Stündeler lügt“, dachte Berger bei sich, „noch dazu in so einer wichtigen Sache, dann hat das einiges zu bedeuten, bestimmt“.
Dass Bäumlin nicht mehr Zuhause war, konnte auch einiges bedeuten. Wenn er sich in seiner Frau nicht täuschte, dann fand auch sie, gelinde gesagt, es eigenartig, wie er mal kurz weg musste.
Es war Bergern aber ziemlich egal, ob er jetzt oder später mit Bäumlin noch einmal zusammentraf. Es hatte keine Eile.
Die frische kalte Luft auf der breiten Meiringer Hauptstrasse tat Bergern gut. Er beschloss, seinen Wagen stehenzulassen und zufuss zum nahen Bahnhof zu gehen.
Obwohl es früher Nachmittag war und der Himmel von einem lichten Weiss war, war es für Bergern ungewohnt düster. Die Felswände rechts und links im Tal und die nahen hohen Bergzüge dämpften das flach einfallende Märzlicht.
Am Bahnhof verlangte er eine einfache Auskunft.
Der Mann hinter dem Schalter kannte Karl Bäumlin. Dieser hatte vor einer Dreiviertelstunde ein Retourbillet erster Klasse nach Luzern gelöst, hatte vor den Geleisen gewartet und war in den Zug um Viertel vor Zwei eingestiegen.
Als Berger zurück ins Zentrum ging, beobachtete er gelassen die dürftige Montagnachmittagbetriebsamkeit im Dorf. Er spielte mit Küenzlis Brille in seiner Manteltasche.
Die Brille, das Portemonnaie, aus dem er vorher den seltsamen Zettel herausnahm, und den Autoschlüssel verstaute er in seinem kleinen Wagen im Handschuhfach und fuhr los.
Fünftes Kapitel
Schnurgerade zog sich die Strasse entlang des Aarekanals talabwärts. Berger fuhr langsam und lauschte den Klängen von Glenn Goulds Klavierspiel. Zwischen den Klavierkapriolen hörte man zuweilen den Pianisten summen. Etwas, was man ihm bei aller Virtuosität nie hatte ausreden können.
Etwas wurmte Bergern.
Die Leute, mit denen er es zu tun hatte, gefielen ihm nicht, durchs Band weg. Sie hatten nicht mehr Leben in sich, als ein Brett voller Schachfiguren. Schwarz und weiss, ja, darum ging es. Berger hatte keine Lust, ein solches Spiel mitzuspielen. Er sah sich aber ausserstande, Farbe hineinzubringen.
Selbst das Tal, durch das er fuhr, glich zwei Feldern eines Schachbretts. Schwarz die Schattseite, wo die dunklen Tannen in alter Kälte starr standen. Weiss der Sonnenhang, der jetzt tatsächlich in ein milchiges Sonnenlicht getaucht war und wo schon ein Hauch von warmem Wind die Buchenzweige bewegte.
Als er bei Brienzwiler die Aare überqueren musste, hatte er einen Entschluss gefasst.
Er stellte seinen kleinen Wagen unter den Nussbaum beim Bahnhof und ging über die Strasse zum Balmhof.
Oben auf der Brücke wurden Betonmauern gegossen. Ein Kran summte, senkte Schalungselemente über Armiergitter.
Esther Lauber sass allein am Stammtisch neben der Tür. Vor ihr eine halbvolle Tasse Kaffee, daneben eine leere.
Er gab sich einen kleinen Ruck, liess zwei Stühle zwischen ihr und sich und hockte ab. Weder er noch sie hatten ein Wort gesagt.
Sie sah ihn über die dunkel polierte Tischfläche hinweg an, bis er den Blick senkte und sich mit Tabak und Papier zu beschäftigen begann.
„Was nehmen Sie, Herr Berger?“
„Eine Schale, bitte.“
Sie räumte die leere Tasse ab und kam mit Bergers Kaffee.
Sie bewegte sich anmutig, fand Berger, obwohl sie ziemlich klein war.
Sie setzte sich wieder, schlug ein Bein über das andere.
„Wollen Sie hier ihr Hauptquartier einrichten?“
„Wenn Sie nichts dagegen haben.“
„Warum sollte ich, das Hotel gehört nicht mir.“
„Wem gehört es denn?“
„Meinem Onkel.“
Als Berger seine Zigarette anzündete, stand Esther Lauber nochmals auf, holte hinter dem Büffet ihr eigenes Päckchen und kam damit wieder an den Tisch. Berger gab ihr Feuer.
Sie fragte:
„Und? Haben Sie etwas herausgefunden, mit ihrem Vergrösserungsglas?“
Berger lächelte.
„Was soll die Frage, Frau Lauber?“
„Reine Höflichkeit.“
Ihr Lächeln tat Bergern gut.
Er sagte:
„Auf der einen Seite ist Brienz - eine kaputte Familie.“
Er machte eine Pause, senkte die eine Hand, die er erhoben hatte, hob dann die andere.
„Auf der anderen Seite ist Meiringen, wo auch nicht alles Bock ist, wie mir scheint.“
Als er wieder schwieg, sagte sie:
„Und wir sitzen mittendrin.“
„Genau“, sagte er, und fügte an:
„Und es sitzt sich hier ganz gemütlich.“
Sie blickte ein wenig skeptisch, aber interessiert.
Er gab sich zum zweiten Mal einen Ruck und sagte:
„Arbeiten Sie heute abend lange hier?“
„Bis zehn, ungefähr.“
„Würden Sie nachher mit mir noch irgendwo was trinken gehen?“
„Wozu?“
„Einfach so.“
„Ach ja?“
„Darf ich Sie um zehn hier abholen?“
„Gut,“ sagte sie einfach.
Der Rauch ihrer Zigaretten war eine Weile das einzige im Raum, das sich bewegte. Dann sagte sie:
„Ich gehöre also nicht mehr zum engeren Kreis der Verdächtigen.“
„Sie meinen, wegen meinen Fragen?“
„Das ist ja wohl Ihr Job.“
Sie stand auf, ein bisschen verlegen, schien es ihm, holte eine Flasche und zwei Gläser. Es war Cognac. Als Nichte des Wirten konnte sie sich das leisten.
Sie schenkte ein und hob ihr Glas.
„Esther“, sagte sie.
„Alex - zum Wohl.“
„Zum Wohl.“
Berger fühlte sich gut, als er wieder in seinem kleinen Wagen sass und weiter talabwärts fuhr. Es war mehr als Ferienstimmung, die er jetzt verspürte. Der Pianist summte wieder zu seinem Klavierspiel, und Berger summte mit.
Da war sie, die Farbe in diesem Schwarz-Weiss-Spiel. Eine Verabredung. „Einfach so“, hatte er gesagt, und sie hatte einfach gesagt, es sei gut.
Weiss leuchtete die Fassade von Schilds Haus im Licht der Sonne, die jetzt am Nachmittag knapp über den Bergen im Süden von Brienz stand und flach über den See in den Hang schien.
Als Berger ausstieg, hörte er eine Kohlmeise ihr einfaches zweitöniges Frühlingslied intonieren. Der Regen hatte frische Gerüche aus dem Boden gelöst und es war fühlbar, dass das Leben in der Natur sich wieder zu regen begann.
Die Nachbarin im Haus unterhalb war auf dem Posten. Sie bewegte sich hinter ihren Küchenfenstern. Vor Schilds Haus stand jetzt kein Fahrrad: Erichs Halbrenner war weg. Vor Bergers kleinem Auto stand ein anderes Fahrzeug in der Einfahrt, ein grosser heller Opel Combi. Er ging daran vorbei und hinter dem Haus die Treppe hoch.
Er musste ziemlich lange warten, bis die Türe geöffnet wurde. Klara Blatter schien recht aufgeräumter Stimmung zu sein. Sie vergass sogar, ihn hereinzubitten.
„Darf ich reinkommen?“
„Natürlich, entschuldigen Sie.“
„Keine Ursache, danke.“
Der Grund für die schiere Heiterkeit der Frau sass im Wohnzimmer, in das sie Bergern führte.
Der Mann war von geradezu ausgelassener Freude.
„Grüess Gott“, meinte er, hielt den Kopf schräg und fasste Bergers Hand, die er nicht mehr loszulassen gedachte. Berger holte sie wieder ein und staunte.
Der andere trug ein feines graues Gilet über einem weisses Hemd, Kravatte, eine blitzsaubere Scheitel im kargen, weissen Haar, das wohl seit einem halben Jahrhundert keine andere Behandlung erfahren hatte als häufige und gründliche Zurechtweisungen durch Schere und Kamm. Seine von einer Hornbrille verkleinerten Auglein versprühten eitel Freude und forschten in Bergers Gesicht nach irgendwelchen Regungen. So musste ein Mensch von der Lotteriegesellschaft aussehen, der irgendwo hereingeschneit kam und die frohe Botschaft von einem Millionengewinn mitbrachte.
Berger blieb ungerührt und fragte:
„Sind Sie von der Christlichen Bruderschaft, ein Pfarrer, oder wie man dem sagt?“
Berger blickte sich im Wohnzimmer um und schien nicht zuzuhören, als der Mann erklärte, er sei tatsächlich ein „Evangelist“.
Berger fragte weiter:
„Würden Sie mir bitte sagen, wie Sie heissen?“
„Natürlich, ich bin Ernst Balsiger. Unsere Schwester Blatter...“
Berger wandte sich an dieselbe:
„Frau Blatter, würden Sie mir bitte das Zimmer von Simon Küenzli zeigen?“
In der Türe wandte sich Berger nochmals an den Mann.
„Haben Sie bereits mit den Kindern gesprochen?“
„Was..., also, nein, ich bin eben erst vor einer Stunde hier angekommen.“
„Gut. Wissen Sie was, Herr Balsiger. Lassen Sie die Finger von den Kindern, insbesondere von Erich. Keine Gebete oder was auch immer. Ich werde mich bei dem Jungen erkundigen. Ich habe mit ihm zu reden und ich möchte das vor Ihnen tun. Ist das klar?“
Berger hatte eigentlich nicht so hart sein wollen. Aber diese seichte Fröhlichkeit, die dem Typen aus allen Poren rann, kam ihm schräg in den Hals, besonders jetzt in diesem Haus, in dem er sich selber so völlig unbehaglich fühlte. Er wusste nicht einmal, ob er das Recht hatte, einem Hüter einer Freikirche unter den gegebenen Umständen solche Vorschriften zu machen. Aber das war ihm egal. Und er drehte sich auch gleich um, ohne sich auf Diskussionen einzulassen.
Küenzlis Zimmer gab nicht viel her. Es lag ebenerdig nach vorne hinaus im unteren Geschoss, das über eine Innentreppe mit dem oberen verbunden war. Der Raum war sauber und aufgeräumt, wirkte wie ein Hotelzimmer. Nur wenige persönliche Gegenstände des Toten. Berger sah sich nur flüchtig um.
Eine Schreibmappe nahm er an sich, die Briefpapier und Umschläge enthielt. Von beidem war ein Teil verbraucht. In einem Stapel Zeitungen unter dem Spülbecken hatte er einen leeren Briefumschlag gefunden, den er ebenfalls mitnahm. Er war an Küenzli bei Schilds adressiert, mit Maschine geschrieben und trug einen Aufdruck des Regionalspitals in Interlaken.
Klara Blatter und den Evangelisten fand Berger wieder oben im Wohnzimmer, wo sie die Köpfe zusammengesteckt hatten.
„Die Kinder sind in der Schule?“
„Ja“, sagte ihre Grossmutter.
„Wissen Sie, in welchem Zimmer Erich schläft?“
Sie stand auf, ging neben Bergern vorbei in den Gang. Er folgte ihr die Treppe hinunter. Neben Küenzlis Zimmer öffnete sie eine Türe.
Das Zimmer hatte zwei Betten. Berger stellte sich mit den Händen in den Manteltaschen mitten in den Raum. Es herrschte Ordnung. Man sah die Hand der Mutter. Nur wenige Dinge waren zu sehen, die den Kindern gehörten. Neben dem einen Bett in der Ecke stand eine Gitarre. Ein ziemlich billiges Fabrikat. Daneben, auf einem kleinen Kasten, lagen diverse Liederbücher. Berger erkannte von weitem das eine und andere, solche mit amerikanischen Liedern und die zwei schmalen Bände von Mani Matter, dem Berner Mundartsänger.
Erichs Grossmutter stand noch hinter Bergern in der Nähe der Türe. Er drehte sich zu ihr um.
„Ist das Erichs Gitarre?“
„Ich weiss nicht. Nein, warten Sie, ich glaube, das ist Elsbeths - meine Tochter.“
„Sie spielt Gitarre?“
„In den Versammlungen manchmal, aber das war, als sie noch ledig war.“
„Aber nicht solche Lieder?“
Er nahm die Gitarrenbücher vom Kasten, fächerte sie in einer Hand auf wie Spielkarten und hielt sie der Frau hin.
Sie fasste sie nicht an, las nur mit einem argwöhnischen Blick einige der Titelwörter.
„Nein, sicher nicht. So etwas nicht.“
„Wissen Sie, ob Erich Gitarre spielt, oder sein Bruder?“
Seine Augen pendelten zwischen den beiden Betten im Zimmer.
„Eher Erich.“
„Warum denken Sie das?“
„Wenn er bei uns ist, fragt er oft, ob er im Versammlungszimmer auf dem Harmonium spielen darf.“
„Kann er das gut?“
„Er klimpert meist nur so rum, aber man muss die Kinder auch mal lassen machen.“
Sie sah, dass Berger offenbar interessiert zuhörte und fuhr fort:
„Erich ist manchmal schon ein spezieller Bub. Ich habe auch schon gehört, wie er seinen Vater fragte, ob er draussen im Auto Musik hören dürfe. Dann sass er draussen auf dem Parkplatz im Auto und hat sich Kassetten angehört. Einmal fast eine Stunde, nach der Versammlung. Bis jemand fragte, wo denn Erich sei. Dann hat Emil gesagt: ´der macht noch, bis die Batterie leer ist´ und ist ihn holen gegangen.“
„Und dass er solche Liederbücher hat, was sagen Sie dazu?“
Die paar Liederbücher waren bisher das einzig Sympatische, das er in dieser Welt der Brüder und Schwestern entdeckt hatte.
Sie sagte ungefähr das Gegenteil von dem, was ihre Stimme und ihr Gesicht ausdrückten:
„Das geht mich nichts an. Ich mische mich bei Elsbeth nicht drein.“
Berger legte die Bücher zurück auf den Kasten neben Erichs Bett und sagte:
„Ich hätte da noch ein paar Fragen zu gestern, Frau Blatter.“
„Ja, bitte, fragen sie nur.“
Sie sagte das in einem Ton, als hätte sie bestimmt nichts zu verbergen.
„Erich fuhr gestern nicht mit seinen Eltern und Geschwistern nach Hause. Wissen Sie das?“
Nun blieb die Frau doch ziemlich lange stumm. Statt einer Antwort sagte sie:
„Möchten Sie nicht einen Augenblick hinauf in die Stube kommen?“
Sie brauchte offenbar Verstärkung. Berger ging ihr nach. Sie bat ihn, Platz zu nehmen.
„Nein, nein,“, wehrte er ab, stellte sich ans Fenster und begann, sich einen Zigarrette zu drehen, geradezu hoffend, dass das den fröhlichen Prediger, der in einem Sessel vor einem niedrigen Tischchen sass und seine „Schwester“ ziemlich stören würde.
„Ich gehe gleich wieder,“ sagte Berger und forschte weiter:
„Aber was ist nun mit Erich?“
Klara Blatter unterrichtete den Evangelisten Balsiger über Bergers Frage:
„Herr Berger möchte wissen, mit wem Erich gestern nach der Versammlung weggefahren ist.“
Der Evangelist schien nur auf das Stichwort gewartet zu haben und setzte zu einer ziemlichen Rede an.
„Herr Berger, unser himmlischer Vater hat unseren Bruder, Simon Küenzli, von dieser Welt abberufen. Wir haben...“
„Moment, Herr Balsiger, bedarf Frau Blatter Ihrer Erlaubnis, um meine Frage zu beantworten?“
„Herr Berger, ich weiss, Sie tun ihre Arbeit...“
„Da haben Sie allerdings recht, und meine Frage gehört dazu und war simpel genug, um eine Antwort darauf zu bekommen. Nun, Frau Blatter?“
Das Spielchen war damit offenbar entschieden. Der Evangelist nickte auf das Allerfreundlichste hinauf zu Klara Blatter, die neben seinem Sessel stand.
Sie sagte nun offenbar die Wahrheit, im Bewusstsein, dass sie damit sowohl Punkte bei ihrem himmlischen Vater sammeln konnte, als auch ihrem Verein Scherereien mit der weltlichen Ordnung ersparte.
„Ja,“ sagte sie, „Erich fuhr mit Simon weg. Gleich nach der Versammlung.“
Berger schrieb das auf.
„Um welche Zeit?“
„Etwa Viertel nach drei, vielleicht halb Vier.“
„Vielen Dank, Frau Blatter, das war sehr nett von Ihnen. Und Sie haben nicht vielleicht auch gesehen, ob Karl Bäumlin mitfuhr?“
Nach einem raschen Blick zu ihrem Evangelisten, der dem Gespräch mit grossem Vergnügen zu folgen schien, schüttelte sie den Kopf.
„Ich war die ganze Zeit über in der Küche. Ob Herr Bäumlin mitfuhr, kann ich deshalb nicht sagen.“
Sie sagte Herr Bäumlin, nicht Bruder, eine gewisse Nuance.
„Wissen Sie denn, ob Bäumlin auch schon mal von jemandem mit dem Auto nach Hause gefahren wurde?“
Sie dachte einen Augenblick nach.
„Emil, der Mann meiner Tochter, hat das auch schon mal gemacht. Ja, das weiss ich.“
„Warum wissen Sie denn, dass Erich gestern mit Küenzli wegfuhr?“
„Er kam in die Küche. Da sassen auch Elsbeth, ihr Mann und die Kinder am Tisch. Erich fragte seinen Vater, ob er mit Simon fahren dürfe. Darum weiss ich das.“
Berger liess es sich nicht nehmen, nochmals den immerzu strahlenden Balsiger abzukanzeln.
„Die Kinder dürften wohl bald aus der Schule kommen. Es wäre mir sehr lieb, wenn ich von Erich erfahren würde, dass er Sie hier nicht angetroffen hat. Verstehen Sie?“
Balsiger blieb seiner Linie treu. Er nickte zwar, stellte aber weiterhin eine auserlesene Fröhlichkeit zur Schau. Als hätte er nicht gehört, was Berger gesagt hatte. Worte aus den Tiefen der irdischen Irrungen konnten ihn in seinen geistigen Höhen nicht erschüttern.
Es war aber fast sicher, dass er sich dennnoch daran halten würde.
Berger hatte den Eindruck, dass man in dieser Kirche die Grenzen ihres Spielraums peinlich genau beachtete. Sicher zahlten sämtliche Brüder pünktlich Steuern, waren im Militär folgsame Soldaten und übernahmen Verantwortung in Gemeindeämtern. Wohl aus dem einfachen Grund, um soweit in Ruhe gelassen zu werden, damit man am Sonntag hinter verschlossenen Türen seine Spielchen mit Gott und der Welt treiben konnte, welcher Art diese auch sein mochten.
Bestimmt bekamen die Kinder dieser Brüder und Schwestern besonders ihr Fett weg. Schliesslich brauchte man Nachwuchs. Dies war wohl der eigentliche Grund, warum Berger so auserlesen grob zu diesem auserlesen fröhlichen Gottesmann war.
Welche Rolle Erich in dieser Geschichte spielte, darüber hatte Berger noch nicht die leiseste Ahnung. Aber er hatte schon begonnen, sich für den Jungen verantwortlich zu fühlen, der sich seit einem Tag vielleicht ausserhalb der Grenzen bewegte, die für Kinder der Bruderschaft vorbestimmt waren. Etwas, was bestimmt nicht einfach zu ertragen war für einen Jungen in seinem Alter.
Das üble an der Sache war, dass Berger sich ausserstande sah, die Sache zu beschleunigen. Er glaubte nicht, dass es einen Sinn hatte, jetzt auf den Jungen zuzugehen, wie auch immer.
Er fuhr hinunter ins Dorf. Gleich gegenüber dem Pfarrhaus auf dem Parkplatz am See stellte er seinen Wagen ab und ging in ein Restaurant, durch dessen Fenster die Sonne schräg einfiel und von dessen Tischen aus man über den See bis nach Interlaken sehen konnte.
Bergers Blick verlor sich in den blassblauen Flächen, als welche See und Berge in der Ferne erschienen. Er versuchte, ein wenig Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Es fiel im schwer. Er war müde. Für seinen Geschmack hatte er genug getan an diesem Tag. Doch er musste weitermachen. Würde Erich morgen wieder nicht zur Schule gehen? Weil er die halbe Nacht wachgelegen hatte?
Es ging nicht darum, einen Mörder zu jagen. Der Inspektor war sich fast sicher, dass der Täter sich schön still hielt.
Da waren aber noch irgendwo zwei Frauen, die mit der Sache etwas zu tun haben konnten.
Jene in ihrem roten Auto mit dem runden Dach, die Erich nach Hause gebracht hatte, nachdem er eine Stunde vorher mit Künzli in dessen orangem Kadett von der Versammlung weggefahren war.
Und eine in Liebe schmachtende „Schwester“ gab es vielleicht auch noch irgendwo. Die so wuchtige Worte auf ein frommes Farbbild schrieb: „Auf ewig Dein“, oder so ähnlich.
Schwester?
Bergers Blick kam aus der Ferne zurück. Er hatte plötzlich eine Idee.
Der Briefumschlag, den er aus Küenzlis Zimmer mitgenommen hatte. Und die Karte, die er in der Bibel des Toten gefunden hatte - es würde zu einem so wortgewaltigen Frauenzimmer passen, Liebesbotschaften mit maschinengeschriebenen Adressen in Geschäftsumschlägen zu verschicken.
Berger ging hinaus in den Gang, wo ein Telefon hing und suchte die Nummer des Spitals in Interlaken heraus. Als es drüben läutete, zog er aus seinem Notizbuch die Ansichtskarte hervor, auf der der fragliche Name stand.
Er gab sein Anliegen bekannt und erhielt einen positiven Bescheid.
Helene F. gab es dort tatsächlich. Das „F“ stand für Freuler und sie war Schwesternschülerin im zweiten Ausbildungsjahr. Berger versicherte sich, ob es auch wirklich Küenzlis Verehrerin war. Die Dame vom Personalbüro gab ohne weiteres Auskunft, dass Helene Freuler „ bestimmt in irgend einem religiösen Verein“ sei.
„Hat sie heute Dienst?“
Er musste warten, die Dame erkundigte sich auf der Abteilung.
„Ja, sie ist bis acht Uhr da.“
„Sagen Sie mir bitte noch ihre Adresse?“
„Ich weiss nicht, ob ich dazu berechtigt bin.“
„Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.“
„Na gut. Sie wohnt in Matten, Erlenrain 4.“
„Besten Dank.“
Berger sah im Telefonbuch nach. Es gab nur eine Familie Freuler in Interlaken und dessen Nachbargemeinden Matten und Unterseen. Gut möglich, dass auch der bleiche Junge von heute morgen, der auch Freuler hiess, dort zuhause war.
Aber das konnte er das Mädchen fragen.
Das war keine üble Aufgabe für den Rest des Tages, schätzte Berger, der wieder an seine Verabredung um zehn Uhr dachte. Die junge Schwester Freuler würde ihn wohl nicht so aus der Fassung bringen, wie es dem widerlichen Bruderschaftsprediger eben noch gelungen war.
Berger suchte in seinem Notizbuch eine Nummer und wählte nochmals. Er bekam einen Gerichtsmediziner der Insel an den Apparat, der Küenzlis Leiche untersucht hatte.
Berger sagte einige Male „mmh“ in den Hörer, nickte zuweilen mit dem Kopf und vernahm, dass Küenzli nüchtern gewesen war, dazu kerngesund, bis um ungefähr drei, vier oder fünf Uhr nachmittags am gestrigen Sonntag....
Vierundzwanzig Stunden ist das her, fuhr es ihm durch den Kopf, zur gleichen Zeit wie jetzt.
...Nackenwirbel gebrochen, Rückenmark vollständig durchtrennt, Schulter rechts ausgekugelt, Rippen im Rückenbereich gebrochen...
„Und sonst, nichts Spezielles? Etwas, was auf einen Kampf hindeuten würde?“
„Nichts, nein, sämtliche Verletzungen sind typisch für einen Aufprall nach einem Sturz.“
„Mmh, sonst nichts?“
„Ich habe ziemlich viel Schmutz, also relativ viel, in den Augen und auch im Mund gefunden.“
„Ah ja. Im Mund?“
„Ja, zwischen den Zähnen.“
Berger vergegenwärtigte sich das Bild des Toten unter der Brücke, im nassen Gras, Mund und Augen offen, wie zu einem Grinsen verzogen. Er hatte keinen Schmutz gesehen.
„Viel Schmutz, sagen Sie?“
„Relativ, aber es könnte ja wichtig sein.“
„Ja, ja, sagen Sie, könnte es Zement sein?“
„Ob es was ist?“
„Zement“.
„Könnte sein. Wenn Sie wollen, lasse ich es analysieren.“
„Gerne. Und lassen Sie das Ergebnis nach Thun schicken. Es eilt nicht“.
Berger atmete tief durch und suchte eine neue Nummer, diesmal im örtlichen Telefonbuch. Er rief bei Bäumlins in Meiringen an.
Während es am anderen Ende läutete, überlegte er sich, was er denn sagen wollte, wenn der Sattler inzwischen zurückgekehrt war. Das war ja alles, was er wissen wollte.
„Nein, er ist noch nicht da“, gab seine Frau Auskunft. Ihre Stimme hatte etwas Besorgtes, fand Berger.
„Aber Sie sagten doch, er sei nicht lange weg?“
„Nein, ich glaube nicht, dass ich das gesagt habe.“
Sie stritt das ziemlich aufgeregt ab. Das war nicht zu überhören.
„Sagen Sie ihm, wenn er zurückkommt, ich werde ihn morgen früh aufsuchen - wenn Sie so gut sein wollen ... auf Wiedersehn, Frau Bäumlin.“
Er musste bei der Serviertochter Münz machen gehen.
„Berger von der Kriminalpolizei Thun. Habe ich heute mittag mit Ihnen gesprochen?“
Der Bahnhofsbeamte von Meiringen.
„Wegen Karl Bäumlin, ja, das war ich.“
„Ja, gut. Würden Sie mir einen weiteren Gefallen tun?“
„Bitte, wenn ich kann.“
„Es ist womöglich nicht so wichtig. Es handelt sich möglicherweise um eine einfache Zeugenaussage und ich möchte Frau Bäumlin nicht spät am Abend beunruhigen. Um welche Zeit kommt der letzte Zug aus Luzern in Meiringen an?“
„Zweiundzwanzig - vierundvierzig“, tönte es promt aus dem Hörer.
„Sind Sie bis dahin auf der Station?“
„Ja.“
„Könnten Sie feststellen, wenn Herr Bäumlin aus dem Zug aussteigt?“
„Ich werde mich bemühen, es gibt allerdings um die Feierabendzeit einigen Betrieb.“
„Er reist doch erste Klasse. Ist es da nicht einfacher...“
„Natürlich, daran habe ich nicht gedacht. Rufen Sie mich nochmals an? Dann müssten Sie bis um zehn vor Elf...“
„Ja, danke“, sagte Berger ziemlich zerstreut. Er beeilte sich einzuhängen.
Er hatte plötzlich ziemlich Mühe, sich zu konzentrieren. Vielleicht hätte er nicht schon wieder Bier bestellen sollen.
Er sass eine ganze Weile an den sonnigen Fenstern des Restaurants und sah über den See hinaus. Möwen tauchten zuweilen in den gleissenden Lichtstreifen der Sonne auf dem Wasser, in dem Bergers Blick versunken war.
Ortsnamen begannen in seinen Gedanken aufzutauchen und verschwanden wieder - Meiringen - Brienzwiler - Brienz - Luzern. Ach ja, gleich würde er nach Interlaken fahren. Olten - dort waren Küenzlis Angehörigen zuhause. Und was noch? Münsingen...
Herrgott, was hatte das für einen Sinn?
Doch Bergers Hirn spann den Faden weiter, weiter ins Lächerliche, wie es schien.
„Ich wohne in Thun“, dachte er, „und Esther Lauber? Ich weiss nicht einmal, wo die wohnt. Aber weshalb interessiert mich das überhaupt? Ja, weil ich nicht weiss, was ich mit ihr anfangen soll. Das ist es. Wo soll ich mit ihr hinfahren? Nach Meiringen oder Brienz? - Kann sie selber sagen. Ganz einfach. Wenigstens das ist einfach. Und dann will ich sie lächeln sehn, und dann will ich sie nicht lächeln sehn, so wie sie im Balmhof dagestanden ist, wie bestellt und nicht abgeholt. Nicht wie diese Stündeler und die ganze Brut ringsumher, die alle wissen, wo sie hingehören, es jedenfalls zu wissen glauben, und doch wissen sie nicht halbsoviel wie eine halbtote Katze am Strassenrand, diese Idioten!“
Warum fiel Bergern ein einzelner Satz ein, den Schild in ihrem ersten Telefongespräch gesagt hatte?
„Den Kindern geht es gut!“
Und sein Ton hatte Bergern wütend gemacht.
„All is well, all is well“, ja, genau so hiess es bei anderen religiösen Eiferern. Diese Scheisstypen. Und wenn dann mal eben nicht alles in Ordnung ist - wenn ein Kind leidet, zum Beispiel - dann kommt so ein lächerlicher lachender Pajass von Priester daher und will sagen:
„Was regen Sie sich auf, Herr Berger. Wir müssen alle sterben - sind Sie übrigens bekehrt?“
Ja, so hiess es, bekehrt - verkehrt müsste es heissen, verkehrt zum totalen Egoisten, dem Wurst ist, wie es den anderen geht, dem Nächsten, den man doch lieben soll, wie sich selbst. Wünsch deinem Nächsten denselben Schwachsinn, an den du selber glaubst, so müsste es heissen.
Tat er diesen Brüdern und Schwestern Unrecht?
„Nein“, entschied Berger. Und mit diesem Nein kam wieder die Lust, herauszufinden, was Küenzli zugestossen war, dem jungen, hübschen Küenzli, der seit ungefähr jetzt minus vierundzwanzig Stunden nicht mehr unter den Lebenden war und still und stumm in einem fensterlosen Raum in der Insel in Bern lag.
Wieder schoss eine Möwe in den Lichtstreifen auf dem Wasser, wurde für einen Augenblick darin aufgesogen und unsichtbar. Bergers Augen hefteten sich auf den Vogel, als er wieder über dem Blau des Wassers erschien und folgten seinem Flug, bis er aus seinem Blickfeld entschwand.
Sechstes Kapitel
Helene Freuler war eine überaus zierliche und völlig handzahme Person. Als Berger sie in ihrem weissen Schwesternkleid ins Cafe des Spitals kommen sah, wo sie mit suchendem Blick stehen blieb, beglückwünschte er sich zu der kleinen Geheimniskrämerei, die er dem Mädchen zuliebe gerade eben veranstaltet hatte.
Ungesehen war er eine Viertelstunde vorher am Empfang durchgegangen, hatte in der Halle eine Telefonzelle betreten und von da aus telefoniert.
Er bekam den Empfang des Spitals, der keine zehn Meter von ihm entfernt war, an den Apparat. Er liess sich mit dem Personalbüro verbinden, das jetzt kurz vor fünf Uhr noch besetzt war. Er erkannte die Stimme der Frau, mit der er schon in Brienz telefoniert hatte.
„Es handelt sich um eine reine Zeugenaussage...“
Dem Meiringer Bahnbeamten hatte er fast dasselbe gesagt.
„Es hat nichts mit dem Spital zu tun“, fügte er abschliessend hinzu und die Frau im Personalbüro willigte ein, diskret ein Treffen mit der Schwesternschülerin Freuler im Cafe zu arrangieren.
Helene Freuler war genau so blass wie der junge Typ im Balmhof in Brienzwiler, der auch Freuler hiess. Als Berger sie an seinen Tisch lotste, bemerkte er sogar, dass ihre Haut nicht nur blass, sondern ungemein fein und fast durchsichtig war. Auch ihr dunkles Haar war so fein, dass kaum ein Übergang entstand, dort wo es über den hohen Schläfen glatt nach hinten gekämmt war. Der Rest der Haarpracht verschwand in einem Knoten am Hinterkopf.
Sie war auf eine seltsame Art klein, wog bestimmt nicht mehr als eine Vierzehnjährige. Sie war wohl auch bloss drei oder vier Jahre älter als eine solche, wirkte aber doch überaus weiblich. Das Gesicht hatte erwachsene Züge. Ausgeprägte Backenknochen zeichneten sich über schmalen Wangen ab und um die Mundwinkel hatten sich feine Fältchen eingegraben. Auch ihr Körper war durchaus wohlgeformt, sogar vollkommen weiblich ausgestaltet, aber er war wie ein paar Nummern zu klein geraten, was ihm etwas Puppenhaftes, Unwirkliches verlieh.
Sie bewegte sich etwas steif auf ihn zu, fand Berger und streng war auch ihre schmalrandige Brille, die zu breit war für das schmale Gesicht.
Er versuchte sich vorzustellen, wie dieses Mädchen „In ewiger Liebe“ auf eine Karte schrieb, und diese in einem Geschäftsumschlag des Spitals nach Brienz schickte. Es gelang ihm aber nicht, die Macht der weissen Uniform zu durchschauen, in der Helene Freuler sich jetzt an sein Tischchen setzte.
Er hatte sich einige Sätze zurecht gelegt und begann:
„Fräulein Freuler? Berger ist mein Name. Ich bin Beamter der Kantonspolizei in Thun. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie hier an ihrem Arbeitsplatz aufsuche. Es wird bestimmt nicht lange dauern. Wäre es vielleicht möglich, wenn wir draussen ein paar Schritte gehen könnten?“
Sie nickte und Berger verspürte eine ziemliche Erleichterung. Sie wusste es, dessen war er sich nun fast sicher. Das machte die Sache angenehmer.
„Ich muss mir etwas anziehen“, sagte sie.
Als sie davonging, hatte Berger Gelegenheit, ihren flachen festen Haarknoten zu bewundern, dem nicht ein einziges Haar entgangen war bis auf ein paar kaum sichtbare Locken im Nacken.
Sie kam zurück ins Cafe und trug über ihrem weissen Kleid eine dunkelgrüne Strickjacke. Die Hausschuhe hatte sie gegen dunkle, halbhohe Stiefel getauscht.
Als sie hinaustraten, lagen das Spitalgebäude und die angrenzenden Wohnquartiere bereits im Schatten. Der Himmel war klar, von einem blassen Blau, und bereits kroch wieder die Kälte herab in den ausgedehnten Talgrund hier zwischen den Seen. Über den Parkplatz gelangten sie in eine schmale, lange Strasse, die irgendwann ins Zentrum führte, hier aber von niedrigen stillen Wohnhäusern gesäumt war.
„Ihr Bruder hat beruflich mit der Brücke in Brienzwiler zu tun, nicht wahr?“
Sie sah ihn nicht an, nickte nur, wie er mit einem Seitenblick feststellte.
Sie gingen an dichten, dunklen Hecken vorbei, hinter denen die kleinen Häuser hockten. Es war so still, dass ihre Schritte auf dem Trottoir sehr laut klangen.
„Es ist möglich, dass ich weder mit Ihrem Bruder noch mit Ihren Eltern spechen muss. Ich nehme an, dass Ihnen das recht ist.“
Er blickte sie nicht an. Sie gingen ziemlich schnell, fand er. Er zog sein Rauchzeug aus der Tasche, begann, damit zu hantieren und verlangsamte darob seine Schritte. Das Mädchen an seiner Seite machte den Rhythmuswechsel wohl oder übel mit.
Als seine Zigarette brannte, holte er sein Notizbuch hervor, entnahm ihm die Karte mit dem Sonnenauf- oder Untergang, mit Davids Psalm und Helene Freulers Worten und hielt sie ihr hin. Er sagte:
„Sie können sie behalten, wenn Sie wollen. Ich brauche sie nicht.“
Die Karte verschwand in einer Tasche ihrer Strickjacke. Die Hand blieb in der Tasche.
„Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“
„Am Freitag.“
Ihre hohe, feine Stimme klang etwas rauh, aber ihre Worte waren Musik in Bergers Ohren. Wieder fiel ein Teil einer Anspannung von ihm ab, die er bisher gar nicht recht realisiert hatte.
Es war nur so eine Idee, als er weiter fragte:
„Was denken Sie, wer könnte etwas gegen ihn gehabt haben?“
„Na, dieser Schild.“
Sie sagte es schräg vor sich hinab auf das Trottoir.
„In Brienz?“
Sie sah ihn immer noch nicht an. Nickte nur. Sie blieb in ihrer Welt.
„Wollte Küenzli dort weg?“
„So schnell wie möglich. Dort kann es doch niemand lange aushalten.“
„Er war Koch, nicht wahr?“
„Ja, und ein guter dazu. Er hat im Palace in Gstaad gekocht.“
Und zuletzt in Brienzwiler Trottoirsteine gesetzt, dachte Berger. Aber Helene Freuler sprach neben ihm weiter.
„Er wollte sein eigenes Restaurant. Und das hätte er auch bald bekommen.“
Sie waren erst eine kurze Strecke gegangen. Trotzdem erwog Berger, schon wieder umzukehren.
„Hatte er Geld?“
„Am Geld fehlte es nicht. Aber dieser Schild...“
Er unterbrach sie:
„Entschuldigen Sie, aber das ist vielleicht wichtig: was hat Simon Ihnen über seine finanziellen Verhältnisse erzählt?“
Erst jetzt sah sie ihn an, unschlüssig, was sie sagen sollte. Reden wollte sie, das war Bergern klar. Er blieb stehen und zündete sich seine Zigarette wieder an, die ausgegangen war.
„Wollen wir zurückgehen?“
Sie gingen deutlich langsamer als zuvor. Am Ende der Strasse sah man einen kleinen Teil der Mauern des Spitals. Sie hatten dieselbe milchigweisse Farbe wie ein langgezogener Streifen Himmel zwischen fernen Wolkenbänken, hinter denen die Sonne untergegangen war.
„Eine Tante hat ihm fünfzigtausend Franken vererbt. Und er hatte auch regelmässige Einkünfte aus Wertpapieren in Aussicht.“
Sie sah zu dem Inspektor an ihrer Seite auf, um zu sehen, ob er beeindruckt war. Er nahm den Blick des Mädchens kaum wahr, nickte bloss.
„Hatte er schon ein Restaurant im Auge, das er übernehmen wollte?“
Sie schüttelte unsicher den Kopf, was Berger wieder nicht recht bemerkte. Er schien überhaupt nicht mehr recht zuzuhören.
„Was wollte denn Schild von ihm?“
Es interessierte Bergern nicht wirklich, er fragte aber dem Frieden zuliebe.
„Er bezirzte Simon dauernd, doch für ihn zu arbeiten. Als Schreiner! Er brauche einen Mann wie ihn, war richtig lästig. Simon hat ihm auch dann und wann ausgeholfen. Aber der Mann ist nicht fähig, ein Geschäft zu führen, wurstelt sich irgendwie durch und meint, das habe eine Zukunft. Er hat nicht einmal Lehrlinge in der Ausbildung und wollte Simon ausnutzen. Und dann hat er dauernd versucht, ihn in Brienz zu behalten. Er...“
Sie hielt aus irgend einem Grund inne.
„Ja, ja“, sagte Berger und hoffte, damit sei das Thema Schild erledigt. Sie schwieg.
Er wunderte sich nun nicht mehr über ihre geheime Liebesbotschaft an ihren Simon. Das zierliche Mädchen, das neben ihm herging, war mit einem interessanten Innenleben ausgestattet.
War sie am Freitag ein letztes Mal mit ihrem heimlichen Freund spazierengegangen? Küenzli hatte am Nachmittag blau gemacht. „Wie so oft“, hatte sein italienischer Kollege gesagt.
Bergern war es recht, dass sie weiter schwieg. Wie sie so langsam neben ihm herging, einen guten Kopf kleiner als der Inspektor, erschien sie ihm wieder fast puppenhaft. Eine banale Frage beschäftigte ihn: War sie es, die neben ihm ihr gemächliches Schritttempo bestimmte?
Er fühlte sich wohl, fast behaglich, fast wie auf einem Spaziergang, der einen ohne Ziel und Richtung irgendwohin führte.
Wie mochte sich das Mädchen fühlen?
Hatte sie mit Küenzli einen Traum verloren oder war sie unbewusst erleichtert, einen erdrückenden Prahlhans losgeworden zu sein - und eine möglicherweise verbotene Beziehung dazu? Wo führte der Weg von Helene Schild... nein, Freuler...
... ach ja, Elsbeth Schild... vielleicht sollte er auch einen Besuch in der Klinik in Münsingen ins Auge fassen. Vielleicht würde sie auch so duldsam und gedankenverloren neben ihm hergehen - nicht am Boden liegen und schreien. Da war er hilflos dagestanden. Jetzt fühlte er sich sicher. Glaubte, auf dem richtigen Weg zu sein.
Auf dem Trottoir lag noch Streukies. Es mussten alte Leute in dieser Strasse wohnen, die auf diese Massnahme angewiesen waren, wenn Schnee lag, wie noch vor wenigen Tagen. Berger lauschte auf das Knirschen der Steinchen unter ihren Schuhen.
War es am Freitag nicht föhnig warm gewesen?
Berger stellte sich vor, wie Helene Freuler ein letztes Mal mit Simon Küenzli spazierengegangen war. Wahrscheinlich war es so gewesen. Vielleicht der Aare entlang. Der Fluss verlief unweit des Spitals zwischen weiten Wiesen, Schilffeldern und Waldstücken. Dem Fluss zugewandt standen in weiten Abständen Sitzbänke an den Spazierwegen, zwischen Weiden und Erlen versteckt.
Hatten sie „ihre“ Bank? Die sie immer als äussersten Punkt ihrer Spaziergänge ansteuerten, sich dort setzten, vielleicht für einige Minuten bloss, eine Viertelstunde? Nutzten sie die Gelegenheit, sich näherzukommen? Neigten sie sich einander zu? Oder legte er ihr den Arm um die Schultern? Oder redeten sie bloss? Unablässig, um der Stille keinen Raum zu lassen, der Stille, in der alles möglich ist?
Berger trennte sich von der Schwesternschülerin Helene Freuler bereits auf dem Parkplatz vor dem Spital.
„Ich danke Ihnen“, sagte er und wunderte sich noch einmal über die fast puppenhafte Erscheinung des Mädchens. Er gab ihr nicht die Hand. Sie blickte ihn kurz und ernst durch ihre goldglänzende Brille an, drehte sich um und ging zwischen den Reihen von Autos auf den Eingang zu.
Es stieg in sein Auto, ohne recht zu wissen, wo er hinfahren sollte. Es war halb sechs. In diesem Moment erschien im seine Verabredung um zehn Uhr töricht. Fast bereute er es, Esther Lauber dazu überredet zu haben. Aber er kannte dieses Gefühl. Es war eine altbekannte Angst, die etwas mit Beziehungen im Allgemeinen und mit Frauen im Speziellen zu tun hatte. Wenn es soweit sein würde, würde er sich wieder gut fühlen. Esther war seine kleine rettende Insel in einem Ozean von Unsinn, auf welchem er seit Stunden im Grossen und Ganzen umherkreuzte. Ja, sie war ein echter Lichtblick.
Er sah keinen Anlass, im Fall Küenzli heute noch etwas zu unternehmen. Nach Münsingen fahren? Es pressierte nicht. Nein. Gegen elf Uhr würde er nochmals im Bahnhof Meiringen anrufen.
Er holte sein Notizbuch hervor und schrieb das auf. Vielleicht würde er es trotzdem vergessen. Eine Szene in einem Restaurant stieg vor ihm auf. Esther an einem Tisch ihm gegenüber. Er würde aufstehen und sagen, er müsse noch einen Anruf erledigen. Er würde zurückkommen und vielleicht würden sie darüber reden. Wieweit sollte er sie in den Fall einweihen? Gab es denn überhaupt einen Fall?
Natürlich gab es den. Es waren eine Menge Details, die einfach noch kaum einen Zusammenhang erkennen liessen. War er geneigt, dem Gespräch mit Küenzlis kleiner Freundin zuviel Bedeutung beizumessen? Etwa gar, weil er das Mädchen auf so spitzfindige Art und Weise ausfindig gemacht hatte? Das war möglich.
Er manöverierte sein Auto rückwärts aus dem Parkfeld und steuerte auf die Innenstadt zu. Beim Westbahnhof fädelte er sich aber in die Kolonne ein, die wieder aus der Stadt hinaus und auf die Strasse am Südufer des Thunersees führte.
Er hatte keine Lust, sich weitere vier Stunden in den Beizen um die Ohren zu schlagen, oder in Interlaken ins Kino zu gehen. Zudem war ihm noch ein Gedanke gekommen, der ihn veranlasste, zu sich zu fahren.
Der Himmel im Westen war noch hell, als er Thun erreichte. Seine Wohnung lag oberhalb der Stadt, in einem ziemlich alten Haus an der Strasse nach Heiligenschwendi. Er war gerne hier zuhause. Von seinen zwei Zimmern aus konnte er weit ins Oberland hineinsehen, nach Osten, wo an schönen Tagen die Sonne aufging, und wenn die Bise ging oder Westwindwetter war, beobachtete er manchmal, wie drüben im Gwatt die Segelschiffe aus- und einliefen. Er hatte unten am See selber ein Boot liegen, allerdings ein Ruderboot, das er nur zum Angeln benutzte.
Er hatte noch sechs Filets von Felchen im Kühlschrank, die er am Sonntag vor Därligen gefangen hatte. Er holte sie heraus, briet sie in Butter und ass sie aus der Pfanne, zusammen mit einem ziemlich trockenen Stück Brot, das noch vom Samstag übrig war.
Er las seine Zeitung, nahm ein Bad, sah sich einen Teil der Tagesschau an, übte ein bisschen Gitarre und verliess die Wohnung um neun Uhr.
Die Bahnhofsuhr von Brienzwiler zeigte auf drei Minuten vor Zehn, als Berger, schon aus Gewohnheit, dort parkierte und über die Strasse zum Balmhof ging.
Esther hatte ihre Schürze nicht mehr an und auch den schwarzen Jupe und die weisse Bluse gegen Jeans und einen orangen Rollkragenpullover getauscht. Sie sass mit dem Wirt und zwei Gästen am Stammtisch.
„Guten Abend“, sagte Berger, machte ein paar Schritte zum Buffet hin und blieb dort stehen, denn Esther war schon aufgestanden und in einer Türe neben der Küche verschwunden. Ihr Onkel betrachtete ihn kurz und ohne grosses Interesse.
Sie kam zurück und trug einen kurzen, schwarzen Mantel. Ihr dunkles, dichtes Haar fiel auf die schwarzen Mantelaufschläge. Ihr spitzes Kinn ruhte auf dem dicken orangen Rollkragen, was sehr hübsch aussah.
Sie wünschten eine gute Nacht und traten in die Nacht hinaus.
„Wohin fahren wir?“ fragte sie, als er sie zu seinem kleinen Wagen führte.
Jetzt, da sie nicht mehr die Serviertochter war, fühlte er, dass jedes Wort, das er sagen würde, bedeutsam war, jede Betonung seiner Stimme auf ein waches Gehör stossen musste.
„Sag du.“
„Ins Sauvage?“
„Das ist in Meiringen, nicht?“
„Ja.“
Berger kannte nur dieses eine Hotel in Meiringen. Es fiel besonders durch seine altehrwürdige, weitläufige Fassade auf. Ein Nobelhotel, das etwas vom Glanz vergangener Zeiten in die Gegenwart zu retten versuchte.
Als sie neben Bergern einstieg, bemerkte Esther den schweren, schwarzen Gitarrenkasten, der auf dem Rücksitz lag und den Berger vor einer Stunde in Thun aus seiner Wohnung getragen hatte.
„Du spielst Gitarre?“
„Zuweilen.“
Die fleckigen Mauern der alten Aarebrücke leuchteten rechts und links vor dem Wagen auf. Dann schwenkte der Lichtkegel der Scheinwerfer über Grasflächen nach links und heftete sich auf die gerade Strasse nach Meiringen. Darüber erschien die Masse der neuen Brücke und tauchte über der Windschutzscheibe weg.
Sie erreichten Meiringen und hatten die eine und andere Freundlichkeit ausgetauscht. Auch einige persönliche Daten, ohne dass die Unterhaltung darunter zu sehr gelitten hätte. Irgendwann hatte Esther gefragt:
„Warum hast du mir das mit der Vermieterin von Küenzli gesagt?“
Er erinnerte sich nicht sofort.
„...dass sie einen Nervenzusammenbruch hatte.“
Er überlegte ein bisschen und sagte:
„Das gehört auch in die Kategorie: einfach so.“
„Aha.“
„Eh ja, manchmal sagt man einfach Dinge, und weiss selber nicht warum.“
Als sie schwieg, fuhr er fort:
„Kennst du das Woodstock-Konzert?“
„Auch schon gehört - warum?“
„Es gibt da ein Stück, von Richie Heavens. Er säbelt auf seiner Gitarre herum wie ein Verrückter und dann schreit er, so richtig laut: ´sometimes I feel like a motherless child`. Mir kommt dieser Satz oft in den Sinn, und die Art und Weise, wie er das singt. Nicht weinerlich oder hoffnungslos, eigentlich ohne ein passendes Gefühl. Jedenfalls kommt es mir so vor. Es ist mehr so wie ein tiefer Atemzug. Ich komme wirklich oft auf dieses Stück Musik, so ganz für mich.“
Dann sagte er noch: „Komisch, was?“ und schwieg.
„Find ich gut“, sagte sie.
Und irgendwann unterwegs hatte sie noch gesagt:
„Jetzt bist du extra - einfach so - von Thun nochmals hergekommen?“
Da schnurrte Bergers Puls ab wie ein aufgezogenes Kinderspielzeug.
„Ja.“
„Und das Vergrösserungsglas hast du Zuhause gelassen?“
„Mmh - bis auf eine Kleinigkeit, aber die kann ich auch einfach vergessen.“
„Also doch noch nicht ganz Feierabend bei dir?“
„Doch, doch. Ich interessiere mich bloss noch für einen ´Kunden`, von dem ich gerne wüsste, ob er schön in seinem Bett liegt oder nicht. Aber das kann ich auch morgen herausfinden. Es eilt nicht.“
Trotzdem verspürte er eine gewisse Unruhe, wenn er an den abhanden gekommenen Bäumlin dachte. Was, wenn er tatsächlich nicht zurückkommen sollte? Am Nachmittag hatte er mit dieser Möglichkeit gar nicht so richtig gerechnet.
Sie hatte den Ernst in seiner Stimme erkannt und sagte vorsichtig, wobei ihm nicht entging, dass sie jetzt alle Ironie wegliess:
„Immer noch wegen diesem Küenzli?“
„Ja.“
„Dann hat sich die Sache noch nicht aufgeklärt?“
„Du sagst es.“
Sie konnte im Dunkeln sein leicht bitteres Lächeln nicht sehen.
„Die Sache hat sich noch nicht aufgeklärt, ganz richtig. Bisher habe ich nicht viel mehr getan, als sie dabei nicht zu stören - sich selber aufzuklären - hoffe ich zumindest.“
Esther zeigte noch mehr Mitgefühl:
„Scheint dir nicht sonderlich Spass zu machen.“
Da erinnerte er sich an all das Gute, das er bisher über die Frau gedacht hatte, die jetzt neben ihm sass und fühlte den Drang, etwas zu unternehmen, dass die Schatten jener anderen Welt sich verflüchtigten.
Er schwieg. Dann sagte er:
„Im allgemeinen schon.“
Der Abend mit Esther verlief nicht ganz nach Bergers Geschmack, jedenfalls der erste Teil nicht. Immerhin entpuppte sich das Sauvage als guter Platz dafür. Irgendwo in dessen dicken Mauern gab es eine schmale, oben gerundete Türe, über der leuchtende Buchstaben verhiessen, dass hier eine Bar und ein Dancing zu finden seien.
Das mit der Bar stimmte. Eine vorteilhaft beleuchtete, blonde Barmaid wandte den Kopf, als Berger mit Esther in den langgezogenen fensterlosen Raum trat. Gedämpftes Licht zeichnete weiss getünchte Kellergewölbe nach, die eine gute Atmosphäre verbreiteten.
Das Dancing bestand aus einer kleinen Tanzfläche, die einige Stufen tiefergelegt war und einem Podium, wo alleingelassene Musikinstrumente standen. Aus grossen Lautsprechern, von einem Tonband gespiesen, rieselte halblaut Musik.
Ausser der Barmaid gab es kaum etwas Lebendiges im Lokal. Zwei, drei Gestalten am wuchtigen Viereck der Bar verharrten unbeweglich in ihrem Halbdunkel.
Sie setzten sich in der Nähe der Tanzfläche in eine Nische. Die Barmaid bemühte sich herüber.
Sie brachte zuerst eine Getränkekarte und dann weissen Wein, in einem eisgefüllten Kübel, um den Flaschenhals ein weisses, gefaltetes Tuch gelegt. Ausser diesem Luxus drängte die Sauvagebar kein bestimmtes Niveau auf, weder besonders abgehoben noch unten durch.
„Gefällt mir gut“, sagte Berger, als die Blondine wieder auf ihre Burg zuging. Er vermied es, ihren Beinen nachzusehen, die zu den vier Sternen auf der Getränkekarte passten.
„Früher war ich öfter hier“. Ihr Ton forderte keine weitere Erörterung des Themas.
Sie liessen die Gläser klirren. Berger trank das halbe Glas leer und hoffte, dass sich die Wirkung des Alkohols rasch einstellen würde, zusammen mit den Vorteilen, die eine Bar mit sich brachte. Esthers sichtbarer Teil an dem kleinen Tischchen ihm gegenüber war begehrenswert. Ihre kleinen, hohen Brüste warfen diffuse Schatten auf die Maschenreihen ihres Pullovers.
Vorerst zeigte Esther wieder Interesse an Bergers Berufsleben. Sie sagte:
„Ist eigentlich schon komisch, dass wir jetzt hier sitzen.“
„Ah ja?“
„Wenn ich denke, dass wir das einem Toten zu verdanken haben...“
Sie klaubte aus ihren Hosentaschen ein Zigarettenpäckchen hervor, strich eine daraus gerade und steckte sie mit Bergers Feuerzeug an. Er hantierte mit seinem Rauchzeug. Bevor er den Klebestreifen des Papiers mit der Zunge anfeuchtete und glattdrückte, sagte er:
„Ich muss zugeben, das ist nicht gerade ein idealer Anlass.“
Sie lächelte ein wenig:
„Märchenprinzen jagen normalerweise keine Mörder.“
„Darf ich das irgendwie als Kompliment auffassen?“
Sie sah ihn an und er mochte ihr Lächeln. Sie sagte:
„Wie du willst. Irgendwie beeindruckt es mich doch ein wenig, dass du mit solchen Dingen zu tun hast. Vielleicht wäre es das beste, du erzählst mir mehr darüber.“
Er nickte und suchte nach Worten.
„So eine Art Schreckmümpfeli mit Alex von der Front?“
„Nein, sagen wir einfach, es interessiert mich, vorläufig.“
„Was denn am meisten?“
„Vielleicht eben diese Geschichte von heute...“
„Na, ich weiss nicht, ob die so interessant ist.“
„Das wäre ja nicht so schlimm. Dann könnten wir ja dann das Thema wechseln.“
Er betrachtete sie, wie sie dasass, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Glas in den feingliedrigen Händen balancierend.
„Jetzt bist du ganz die Lehrerin. Und ich der Schüler, der einen Satz sagen soll.“
„Also, Schüler, sag schon deinen Satz. Ich höre.“
Sie bemühte ihr Lächeln noch ein bisschen mehr.
„Na gut. Aber sag stop, wenn es nicht mehr lustig ist.“
Er erzählte so ziemlich alles, was er wusste oder vermutete, was eine ganze Weile dauerte. Sie war eine gute Zuhörerin, nickte an den richtigen Stellen, schien interessiert zu sein und unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. Zwischendurch füllte sie die Gläser neu und hatte auch mit Rauchen mitgehalten. Sie hielt die dritte Zigarette zwischen den Fingern, als Berger sagte:
„Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob nicht auch Bäumlin etwas mit der Sache zu tun hat. Wenn er nicht Zuhause ist, dann macht sich zumindest seine Frau grosse Sorgen, ausser er hat sie angerufen.“
Als er schwieg, fragte sie:
„Und was hältst du von der Sache mit dem Jungen?“
Berger wunderte sich nicht über ihr Interesse an Erich Schild. Esther war, wie sie gesagt hatte, Lehrerin.
„Das ist der springende Punkt an der Sache. Wenn der Junge nicht wäre, dann könnte man meinen, es handle sich um eine ziemlich banale Sache, Geldangelegenheiten, Eifersucht, was weiss ich. Dann wäre mir das alles auch ziemlich egal. Aber der Junge passt nicht in die Geschichte.“
Während er nachzudenken begann, sagte sie:
„Vielleicht hat er auch nichts damit zu tun, ist irgendwo von Küenzli abgesetzt worden und von dort aus nach Hause gebracht worden.“
„Aber er war nicht in der Schule.“
„Vielleicht war er krank.“
„Möglich. Mir geht er einfach nicht aus dem Kopf. Du hättest seine Augen sehen sollen...“
Sie nickte und schien sich den nicht gerade erbaulichen Anblick vorzustellen. Dann sagte sie mit einigem Mitgefühl:
„Es ist sicher gut, wenn du das nicht vernachlässigst. Der Vater scheint sich nicht um ihn zu kümmern.“
Berger doppelte nach:
„Auch die Grosseltern nicht. Die haben ihn kaum zur Kenntnis genommen, als er wieder ins Haus kam, nachdem die Mutter weg war. Und dieser Prediger ist vielleicht nur deshalb erschienen, um ordentlich in den Wunden der Kinder zu wühlen. ´Der himmlische Vater wird`s schon richtig machen´ und so ein Scheiss.“
„Meinst du, die sind wirklich so schlimm?“
„Eigentlich weiss ich kaum etwas über sie, aber dass das alles komplette Egoisten sind, das habe ich begriffen, so richtig jämmerliche Gestalten.“
Esther duckte sich fast ein wenig unter den Worten, die Berger hart und tonlos hervorgestossen hatte. Da wurde sein Gesicht wieder weich und warm. Er sagte, ein bisschen mühsam, vom vielen Reden und vom Wein:
„So, wie siehst du jetzt den Märchenprinzen, der Mörder jagt?“
„Ich finde, du hast noch etwas zu Trinken verdient.“
„Sie sass der Bar zugewandt und machte ein Zeichen.
Zwanzig Minuten später ging Berger hinaus und führte zwei Telefongespräche.
Bäumlin war am Bahnhof in Meiringen nicht eingetroffen.
„Ich glaube, ich hätte ihn gesehen, wenn er ausgestiegen wäre“, sagte der Bahnbeamte.
Das zweite Gespräch führte er mit einem kleineren Hotel in Meiringen, dem Rebstock, das Esther empfohlen hatte. Er bestellte ein Doppelzimmer, vernahm, dass man um halb Eins dort eintreffen müsse, hängte ein und ging zurück in die Bar.
Siebtes Kapitel
Der Dienstagmorgen war bitterkalt und eine früh aufgegangene Sonne überflutete die Hauptstrasse von Meiringen mit einem harten Licht. Auf den breiten Trottoirs waren Kinder mit Schulsäcken unterwegs und die Autos, die vorbeifuhren, stiessen kurze, leuchtende Dampfwolken aus den Auspuffrohren.
Berger hatte die Hände in die Manteltaschen gesteckt und betrachtete die beiden langen Schatten, die vor ihm und Esther auf dem hellgrauen Asphalt dahinglitten.
Allein das harte Licht und die grimmige Kälte versetzten ihn in eine gewisse Spannung.
Im gedämpften Licht der Sauvagebar und nachher drüben im Rebstock waren sie gleichsam über sich hinausgewachsen, mit jenen geistigen Gliedern versehen, die das körperliche Dasein hin und wieder so vortrefflich ergänzen. Davon war jetzt bloss noch die Erinnerung übrig.
Aber immerhin eine gute, fand Berger. Selbst von den drei Flaschen Wein, die hauptsächlich er getrunken hatte, merkte er nicht viel. Dass ihm ein wenig schwindlig war, konnte ebensogut an der klaren Luft liegen, die nach nichts roch ausser Kälte. Und daran, dass es ein bisschen ungewohnter war als sonst, auf seinen eigenen zwei Beinen dahinzugehen.
Esther nahm den Zug um zehn vor Acht und er stellte ihr in Aussicht, bald auf einen Kaffee vorbeizukommen.
Drei Minuten später stieg er bereits die Stufen zu Bäumlins Werkstatt hoch, die auch ihre behelfsmässige Wohnung war. Es waren noch keine Handwerker im Haus, aber gleichzeitig mit Bergern hatte eine junge Frau das Haus des Sattlers betreten. Sie klopfte im ersten Stock kurz an die Türe und ging hinein. Sie wusste nicht recht, ob sie den Inspektor hereinbitten sollte, der im Treppenhaus stehengeblieben war. Da erschien auch schon Bäumlins Frau.
Sie hatte vor kurzem geweint. Eine Strähne hatte sich aus ihren hochgesteckten Haaren gelöst, was seltsam aussah. Die junge Frau grüsste, ohne zu zeigen, dass sie den Zustand der Hausherrin bemerkt hatte, ging an ihr vorbei und verschwand in einer Türe des Ganges.
Frau Bäumlin sah zu Bergern hin und machte keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung, dass er es war, der draussen vor der Türe stand. Dann kam sie aber näher, nickte schwach mit dem Kopf, als wolle sie andeuten, dass sie sich beherrschen konnte und liess Bergern eintreten.
„Kommen Sie hier herein, bitte“, sagte sie.
Es war eine kleine Küche. Auf einem Regal zwischen Küchengeräten standen Gläser mit Zahnbürsten und Rasierzeug. An zwei Haken hingen neben Küchentüchern solche, die in ein Badezimmer gehörten. In einer schmalen Wand war eine Türe, die vielleicht zu einer kleinen Toilette gehörte. Der Tisch war winzig und der Kochherd kalt.
Sie schloss die Türe bis auf einen kleinen Spalt. Sie musste dazu einen Schritt zur Seite machen und nahm dem schmalen Fenster einen Teil des wenigen Lichtes, das hereinfiel.
Als sie nichts sagte, ihn nur ziemlich unangenehm ansah, zog er ein Taburett unter dem Tisch hervor und setzte sich darauf.
Das war nicht unhöflich! Er glaubte sogar, sie schätzte es, wenn er sich ohne zu fragen hinhockte. ´Sie müssen sich nicht schämen, dass Sie und ihr Mann hier unten wohnen müssen`, sollte das heissen.
Er war es, der jetzt sagte:
„Bitte setzen Sie sich doch, Frau Bäumlin.“
Er konnte ihr Gesicht kaum sehen, das vom hellen Viereck des Fensters in ihrem Rücken umrahmt war.
Stattdessen griff sie auf das Regal, wo die Gläser mit den Zahnbürsten und dem Rasierzeug standen und nahm eine Espressomaschine herunter.
„Nehmen Sie ein Kaffee?“
Es lag viel Angst in ihrer Stimme. Dachte sie daran, dass der Kaffee längst getrunken sein sollte? Dass sie oder ihr Mann jetzt irgendwo in der Werkstatt Anweisungen an die Angestellten erteilen, Bestellungen erledigen oder Kunden anrufen sollten?
Bergern war nicht recht wohl auf seinem Schemel. Fast fühlte er sich ein wenig schuldig am Unglück der Frau. Was sollte er sagen, fragen? Die Dinge entwickelten sich, wie gestern, neben dem Inspektor vorbei, schien es ihm. Deshalb sagte er:
„Ich möchte Ihnen eine persönliche Frage stellen, Frau Bäumlin. Was halten Sie von Emil Schild?“
Sie füllte das Gefäss aus Aluminum mit Wasser, setzte das Filterstück ein und begann, Kaffee aus einer Büchse hineinzulöffeln.
„Es war nicht gut, dass er ins Haus kam. er hat sich zu sehr in unsere Angelegenheiten gemischt.“
Sie schraubte das Oberteil auf die Maschine, stellte sie auf eine Herdplatte und drehte einen Schalter.
„Er hat meinem Mann gesagt, es sei eine Strafe Gottes, dass es bei uns gebrannt hat.“
Sie stellte eine Tasse auf den winzigen Tisch neben Bergern, einen Löffel in die Tasse, daneben ein Glas mit Zucker. Dann lehnte sie sich ans Spülbecken, verschränkte die Arme unter der flachen Brust und sah Bergern an. Er erschrak beinahe ob der Härte, die jetzt ihr Gesicht erfasste.
„Das war vielleicht zu Gotthelfs Zeiten so. Heute brennt kein Gott mehr Häuser ab - lächerlich. Und zudem gibt es dafür Versicherungen, die weiss Gott Geld genug haben - nicht wahr?“
Berger sah, dass sie eine Bestätigung ihrer Theorie erwartete. Er nickte. Ihre kriegerische Laune kam ihm übrigens gelegen. Er erlaubte sich, Tabak und Papier aus dem Sack zu nehmen und eine Zigarette zu drehen.
„Und für was hätte uns Gott strafen sollen, für was bitte sehr? Dass wir ein Leben lang gearbeitet haben, den noblen Leuten ihre schicken Täschchen und Köfferchen geflickt haben? Es nähme mich doch Wunder, was er ihm da gepredigt hat. Aber ich habe mich, wie es sich gehört, nicht darum gekümmert.“
Gedankenlos nahm sie aus einem Wandschränkchen ein Schälchen und stellte es auf den Tisch.
„Sie können die Asche da hineintun.“
Die Maschine auf der heissen Herdplatte summte und knackte.
Berger war ein wenig beruhigt, da sich der Zorn der Frau Bäumlin gegen alles Mögliche, offenbar aber nicht gegen ihn richtete.
„Was haben Sie mich gefragt?“ erkundigte sie sich zwischendurch.
„Ach ja, dieser Schild, was ich von ihm halte? Es geht ja auch nicht vorwärts, mit seiner Bauerei. Seit vier Wochen hausen wir jetzt hier unten. Die meiste Zeit ist er allein am fuhrwerken. Und wissen Sie was? Mein Mann hat ihm sogar helfen müssen. Schwere Platten hat er abgeladen. Sogar ein Bub von ihm war schon da. Hat stundenlang schwere Säcke hinauf in den zweiten Stock getragen. Der ist doch erst zwölf Jahre alt, Erich, ich habe mich erkundigt. Und bekommt bestimmt nicht einmal ein Sackgeld dafür. Mir wäre sowas nicht einmal in den Sinn gekommen, meine Kinder in der Werkstatt arbeiten zu lassen, nicht einmal leichte Sachen. Das ist doch nichts für Kinder. Die merken noch früh genug, wie das Leben ist.“
Sie öffnete das kleine Fenster und holte von draussen einen Hafen herein, der mit einer Untertasse zugedeckt war.
„Ach, jetzt ist die Milch gefroren. Macht es Ihnen etwas aus, davon zu nehmen? Sie ist sonst sicher noch gut.“
Sie nahm einen Löffel und bearbeitete damit den Inhalt des Gefässes.
„Sie müssen entschuldigen, wenn ich so daherrede. Ich habe kaum geschlafen...“
Sie strich sich die Strähne aus der Stirne, die aus der Frisur entwichen war und suchte für sie mit einem dürren, furchigen Daumen ein Plätzchen neben dem Ohr.
Berger tippte leicht mit der dünnen Zigarette auf das Schälchen auf dem Tisch, zog dann einige Male daran, bis sie wieder richtig brannte.
„Werden Sie meinen Mann suchen?“
„Ich denke schon.“
Er sagte aber nicht, warum er das bereits beschlossen hatte. Sie sprach weiter:
„Ich werde Ihnen jetzt einmal sagen, was ich weiss.“
Ihre Stimme hatte keinerlei Betonung, keine Härte, keine Schwäche, war einfach Sprache, die vielleicht einfacher zu ertragen war als die bohrenden Fragen im Kopf. Sie war in gewissem Sinne eine starke Frau.
„Dieser Küenzli hat vorgestern meinen Mann nach Hause gebracht, nach der Versammlung, wie die das nennen.“
Ein wenig unsicher war sie doch. Sie öffnete die Klappe der Aluminummaschine auf der Herdplatte. Das war unnötig, denn der Kaffee würde sich mit einem lauten Röcheln melden, wenn er aufgekocht war.
Berger fragte:
„Wissen Sie ungefähr die Zeit, wann das war?“
„Nicht genau, so um halb vier. Ich war in der Werkstatt drüben. Ich habe ein Auto gehört, das hinter das Haus fuhr.“
Noch immer verriet sie keine Gefühlsregungen.
„Ich bin ans Fenster gegangen und habe ihn aussteigen sehen, meinen Mann.“
Die Kaffeemaschine fauchte. Frau Bäumlin schenkte zuerst Kaffee in Bergers Tasse ein, dann Milch. Sie hielt einen Löffel in den Hafen, um die Eisstücke zurückzuhalten. Berger trank ihn ohne Zucker. Es war ein guter Kaffee.
„Woher kannten Sie Küenzli?“
„Er war ja auch schon hier im Haus, um Schild zu helfen, zu Beginn jedenfalls, meist abends oder am Samstag.“
„Und er war es, der im Auto sass?“
„Ja, er war es.“
Sie sah Bergern an, als ob sie sich vergewissern müsste, ob er es Wert war, dass sie es ihm sagte:
„Er hat die Scheibe heruntergedreht und mein Mann ist noch einmal zu ihm gegangen. Ich habe nicht verstanden, was sie sagten. Der Föhn ist gegangen, es war sehr laut draussen. Küenzli hat dann irgend einen Zettel aus dem Fenster gehalten. Mein Mann hat ihn genommen und ziemlich lange darauf geschaut. Küenzli hat dann die Hand wieder aus dem Fenster gestreckt, hat mit den Fingern geschnippt...“
Sie machte es vor.
„...und er hat ihm den Zettel zurückgegeben. Dann ist er davongefahren.“
„Sass sonst noch jemand im Auto?“
„Ich habe nicht darauf geachtet. Mein Mann...“
„Ja?“
„Er ist unten eine Weile stehengeblieben. Seine Haare waren ganz zerzaust. Dann hat er heraufgeschaut...“
Sie sprach jetzt, als sei sie nicht sicher, ob ihre Worte mehr für Bergern waren, als für sie selber - für Bergern, weil er ihr vielleicht ihren Mann zurückbringen konnte, für sie selber, weil sie sich keinen Reim auf die Sache machen konnte.
„Dann ist er weggegangen. Ich weiss nicht wohin. Er kam etwa zehn Minuten später herauf. Ich habe ihn nichts gefragt. Ich habe nicht gedacht, dass...“
Sie wagte es auch jetzt nicht zu denken.
Sie streckte die Hand nach dem Zettel aus, den Berger aus seinem Notizbuch genommen hatte und ihr hinhielt.
„Sah der Zettel so aus?“ fragte er.
Sie hielt ihn mit beiden Händen fest, als könnte das Papier aus Küenzlis Portemonnaie all ihre Fragen beantworten. Sie wurde aber nicht schlau daraus.
Berger nahm das nur am Rande wahr. Er war mit seinen eigenen Regungen beschäftigt.
Er ärgerte sich!
Irgendwann, während die Frau erzählte, war ein Verdacht in sein Bewusstsein gedrungen, hatte sich sogleich zur Gewissheit verdichtet - und hatte Bergern enttäuscht. Nur einen Augenblick lang. Aber lange genug, um sich darüber zu ärgern.
Er war enttäuscht gewesen, dass Küenzli plötzlich als Erpresser dasstand, Bäumlin als Opfer.
Als hätte das irgend eine Bedeutung! Als wäre das ein Gefühl von Enttäuschung wert!
Zum Glück hatte Frau Bäumlin nichts von all dem gemerkt. Sie gab ihm den Zettel zurück. Er trank seinen Kaffee aus und stand auf.
„Vielen Dank“, sagte er.
„Frau Bäumlin...“
Doch diese wandte den Kopf zur Tür. Im Treppenhaus hörte man Geräusche. Berger stand still. Schritte im Treppenhaus, an der Tür vorbei, auf den Stufen ins obere Geschoss. Dann Stille. War das Schild?
„Frau Bäumlin, ich habe Ihnen vorhin nicht gesagt, dass ich bereits ein wenig nachspioniert habe. Ihr Mann ist gestern, nachdem ich da war, mit dem Zug nach Luzern gefahren.“
„Nach Luzern.“
Es war nichs Fragendes in ihrer Stimme. Trotzdem hatte sie es sicher nicht gewusst. Und sie nahm es Bergern nicht übel - nicht ihm. Sie hatte Angst.
Berger auch.
„Hat Schild sich gestern abend erkundigt, ob ihr Mann da sei?“
„Ja.“
„War er hier in der Wohnung?“
„Ich habe ihn nicht hereingelassen.“
„Kennen Sie jemanden in Luzern, bei dem ihr Mann sein könnte?“
„Nein, keine Ahnung.“
„Ich werde jemanden beauftragen, vorerst im kleinen Rahmen nach ihm zu suchen. Jetzt muss ich Sie aber bitten, mir die Geschäftsunterlagen Ihres Mannes zu zeigen.“
Sie war zu müde, um darüber richtig nachzudenken.
Man hatte die Bürosachen in der Werkstatt auf der anderen Seite des Ganges in einen Wandschrank gepackt, in Kisten verstaut.
Die junge Frau an der Nähmaschine sah nur kurz auf, als sie hereinkamen. Frau Bäumlin stand still in der Nähe, während Berger die Kisten durchsah.
Er fand einen Ordner mit der Aufschrift „Versicherungen“. Darin eine Mappe, die alles enthielt, was er suchte. Schadensabklärungen der „Helvetia“, Offerten von Handwerkern, darunter jene von Schild.
Es war beunruhigend, dass Bäumlin die Mappe nicht mitgenommen hatte.
Frau Bäumlin begleitete ihn hinaus.
„Sagen Sie mir, wenn Sie etwas von ihm hören?“
Er versprach es ihr und verabschiedete sich.
Oben hörte man Schild arbeiten.
Berger ging wieder hinüber zum Bahnhof. Er rief im Büro an und vernahm, dass Neuhaus heute nicht da sein würde. Der Kommissar besuchte einen Kongress in Bern. Berger sprach mit Friedli. Er brauche Verstärkung, sagte Berger und Friedli erklärte sich bereit, selber herzukommen.
Berger gab ihm Anweisungen, sagte aber zwischendurch „bitte“ und „es wäre gut, wenn...“. Er konnte seinem ältesten Kollegen nicht einfach so Befehle erteilen.
Bevor Friedli losfahre, solle er („solltest du...“) schauen, dass man, am besten von Luzern aus, dort die Hotels rund um den Bahnhof abtelefoniere. Man solle nach einem Karl Bäumlin fragen.
Friedli wollte wissen, was man mit diesem Bäumlin anfangen solle, wenn man ihn hätte. Etwas unsicher sagte der junge Inspektor ins Telefon, man solle ihn nach Hause schicken. Und in Thun Bescheid sagen.
Als Berger wieder vor Bäumlins Haus in der Hauptstrasse stand, waren ungefähr zehn Minuten vergangen. Genau so lange, wie Bäumlin am Sonntag weg war, nachdem ihn Küenzli zuhause abgesetzt hatte.
Berger hätte sich gerne ein weiteres Gespräch mit Emil Schild erspart. Einen Augenblick liebäugelte er mit diesem Gedanken, denn er erwartete keine grossen Aufschlüsse von dieser Seite. Aber konnte er sich einen Fehler leisten? Jetzt, da Friedli kam. Und Neuhaus sähe es sicher nicht gern, wenn Berger seine Schlussfolgerungen zog, ohne sie zu belegen. Zumal der Kommissar die Sache vielleicht lieber selber in die Hand genommen hätte, anstatt an an einen Kongress zu fahren.
Berger konnte schlecht in seinen Bericht schreiben: „Schild war mir so richtig unsympatisch. Deshalb habe ich mir die nötigen Bestätigungen später beschafft.“
Und wenn er sich irrte? Nein, das war nicht möglich.
Berger ging auf der Seite des Hauses zum Eingang, betrat das Treppenhaus, das nach Brand und Bauarbeiten roch und stieg in den zweiten Stock hoch.
Der Schreiner Emil Schild hatte seit gestern im Innern des zweiten Stockwerkes eine Zwischenwand erstellt und war damit beschäftigt, das Holzgerippe mit Täfer zu verkleiden. Eine starke Stehlampe tauchte den Arbeitsplatz in ein helles, warmes Licht.
Es war ziemlich kalt, obwohl ein Wärmestrahler auf einer Gasflasche in einer Ecke stand. Schild hatte trotzdem schon die Hemdsärmel nach hinten gekrempelt. Das Hemd, das er trug, schien dasselbe zu sein, wie am Vortag.
Er erwiderte Bergers Gruss, hielt es aber nicht für nötig, seine Arbeit zu unterbrechen. Er setzte ein Brett senkrecht an die bereits montierte Wandfläche, drückte es fest, nahm aus einem Hosensack ein paar kleine Nägel, steckte sie in den Mund, ergriff im anderen Sack einen Hammer und heftete das Brett mit gezielten Schlägen fest.
„Sie müssen schon mit mir reden, Herr Schild“, sagte Berger.
Der Hammer blieb in der Luft hängen, glitt dann in den Hosensack, die Nägel in den andern, wo die Hand versteckt blieb.
„So, muss ich das?“
„Das müssen Sie.“
Berger hatte seine beiden Hände in den Manteltaschen.
„Bäumlin hat Sie am Sonntag nach der Versammlung angerufen, hier von Meiringen aus, nicht wahr?“
„Und Sie meinen, das müsse ich Ihnen sagen?“
„Was denken Sie denn? Glauben Sie, sie hätten nichts mehr mit der Sache zu tun? Sie haben mich gestern schon angelogen. Wollen Sie es weiterhin so halten?“
Schild drehte ein bisschen den Kopf, sagte: „Wie bitte?“ so als hätte er nicht richtig verstanden. Er hatte plötzlich ein ziemlich wildes Gesicht, was Bergern hauptsächlich erstaunte. Einen Moment lang dachte der Inspektor aber, Schild würde auf ihn losgehen.
Berger sagte:
„Wie nennt man denn das bei Ihnen? Sie haben mir gesagt, sie seien alle zusammen nach der Versammlung nach Hause gefahren. Wie war das denn mit Erich? Gehört er nicht zur Familie?“
Es war seltsam. Der Mann reagierte nicht mehr mit Wut auf Bergers Worte.
Es dauerte einige Sekunden, bis Schild den Rank gefunden hatte, dann hob er stolz den Kopf und verkündete:
„Sie wollen also, dass ich meinem Sohn den Dolch ins Herz stosse?“
Berger war verblüfft. Das konnte doch nicht wahr sein! Er brachte nur ein „Wie?“ hervor.
„Erster Mose, zweiundzwanzig, Vers zwei: ´Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebhast, Isaak, und gehe hin ins Land Moria und opfere ihn daselbst als Brandopfer auf einem der Berge, den ich dir nennen werde“.
Schild hatte wie in Verklärung gesprochen. Es war ihm wohl nicht möglich, ein Bibelwort in den Mund zu nehmen, ohne einen erfurchtsvollen Ton anzuschlagen. Aber merkte er denn nicht, wie lächerlich das war?
Berger sah ihn unverhohlen an.
Nein, das war kein gespieltes Gefühl. Und es war leider stärker als jene Gefühle, die hier am Platz gewesen wären.
Langsam sagte Berger:
„Kennen Sie das auswendig, oder haben Sie das nachgelesen?“
Schild blickte argwöhnisch, suchte irgendwelchen Spott in Bergers Worten. Aber da war kein Spott. Er nahm das unwillkürlich wahr. Er sagte:
„Es sind erhabene Worte, Herr Berger, nicht wahr? Das Wort Gottes hält Trost bereit für jene, die an ihn glauben.“
„Erhabene Worte, sagen Sie? Es gehört vielleicht jetzt nicht hierher. Aber ich will Ihnen mal etwas sagen - Herr Schild. Ich erinnere mich an die Geschichte. Aus der Sonntagsschule. Selbst die gewöhnliche Kirche hält sich nicht zurück, diese zum besten zu geben. Ich nehme an, Ihnen, in ihrem Verein, gehen diese Histörchen besonders genüsslich über die Lippen. Ich für meinen Teil denke, die Geschichte mit Abraham und Isaak ist etwas vom Dümmsten, was in Ihrem heiligen Buch steht.“
Bergern entging nicht, dass Schild aufmerksam zuhörte und auch ein oder zweimal Luft holte, um etwas zu sagen, mit einem gewissen Glanz in den Augen. Als Berger schwieg und ihn gerade ansah, hob er an:
„Ach, meinen Sie? Und doch erinnern Sie sich so gut daran. Heisst das nicht...“
„Es ist egal, was es heisst“, unterbrach ihn Berger. „Vergessen Sie es einfach wieder. Sagen Sie mir nur, ob Bäumlin Sie angerufen hat. Wenn Sie es leugnen, gehe ich runter zu seiner Frau und rufe von dort aus ihre Schwiegermutter an. Sie waren bei ihr, als Küenzli mit Ihrem Sohn und Bäumlin hier eintraf, um halb Vier, am Sonntagnachmittag. Dann ging er zum Bahnhof und hat Sie angerufen. War es so?“
„Ja. Aber was wollen Sie damit sagen?“
„Gar nichts. Sagen Sie mir, was es bedeutet.“
„Ich werde Ihnen nichts sagen. Und wenn Sie mich ins Gefängnis stecken, werde ich immer noch nichts sagen.“
„So einfach kommen Sie nicht davon, Herr Schild. Aber etwas anderes. In weniger als einer Viertelstunde wird mein Kollege bei Ihnen Zuhause sein und sich aus ihrem Büro zusammensuchen, was ich brauche. Ich hoffe, es reicht aus, und ich brauche Ihre Aussage nicht. Sie und Bäumlin haben etwas mit der Versicherung gedreht. Was sagen Sie dazu?“
Wieder flammte Wut in den Zügen von Schild auf. Aber er hielt sich zurück.
Berger sprach jetzt ohne jede Härte, leise, fast als redete er zu sich selber. Er wollte bloss sagen, was er zu sagen hatte, das war alles. Damit der Bericht an Neuhaus vollständig sein würde. Er fuhr fort:
„Bäumlin hat Sie angerufen, hat gesagt, dass Küenzli alles weiss. Dann sind Sie nach Hause gefahren. Dort war Erich, den Sie mit Küenzli haben rumfahren lassen, wohin auch immer. Aber Küenzli war nicht da. Er war tot. Und so dachten Sie, es wäre gewiss besser, ich würde mich nicht allzu sehr mit Erich befassen, der vielleicht das eine oder andere zu erzählen hätte. Es tönt jetzt ziemlich lächerlich, wenn Sie da von Abraham und Isaak anfangen. Sie wollten doch einfach den Deckel auf die Sache halten, damit Sie selber ungeschoren davonkommen könnten. Darum haben Sie verschwiegen, dass Erich mit ihrem Untermieter unterwegs war.“
Er erwartete nicht, dass Schild noch etwas sagen würde. Tat er auch nicht.
Berger war schon zur Tür gegangen. Er sah noch einmal zu dem Mann hinüber und sagte:
„Wissen Sie was? Der Dolch, von dem Sie sprachen, der ist vielleicht gar nicht mehr nötig. Wenn ein Kind lange genug auf dem Altar liegt und darauf wartet, geschlachtet zu werden, dann ist es ihm irgendwann einerlei, ob der Tod kommt oder nicht.“
Er hätte das nicht sagen dürften, natürlich nicht. Aber was sollte er tun? Es war schwer, mit diesem Mann zu reden.
Noch als Berger auf die Hauptstrasse hinaustrat, war er in tiefes Grübeln versunken. Er musste sich erst besinnen, bis ihm einfiel, wo sein kleiner Wagen stand. Drüben auf dem Parkplatz des Hotels Sauvage, wo er ihn am späten Abend abgestellt hatte.
Auf der geraden Strasse talabwärts nach Brienzwiler wich ein Teil der üblen Gefühle von ihm, die ihn in Bäumlins Haus ergriffen hatten. Gleichmässig brummte der Motor, und das Steuerrad, das er mit einer Hand führte, fibrierte leicht. Goulds Klavierspiel aus dem Kassetttengerät wehte über das Fahrtgeräusch hinweg.
Er gab sich keinen Illusionen hin. Die Situation war verfahren. Und es gab da eine Menge merkwürdiger Widerstände, die sich der Aufklärung der Sache entgegenstemmten, und die zu überwinden eine Menge Kraft erforderten, dessen war sich Berger in diesem Moment bewusst.
Und auch, als er unter dem Nussbaum beim Bahnhof von Brienzwiler parkierte, ausstieg und in das wilde Schattenmuster trat, das der Baum auf den Platz und die Brünigstrasse hinauswarf, wog er innerlich seine Kräfte gegen diese Widerstände ab.
Er ging schräg über die Strasse, auf den Balmhof zu und sah dabei mehr als einen Augenblick lang hinüber zur Brücke, die in einem starken Gegenlicht dunkel und wuchtig dastand. Das Bauwerk büsste dadurch etwas von seiner praktischen Bedeutung ein, gewann aber einen gewissen Symbolcharakter, den Berger dankbar wahrnahm und für seine kleine morgendliche Psychohygiene verwendete.
Er war stark genug, ja, und er hatte im Grunde genommen eine sehr simple Aufgabe zu erfüllen. Dort war einer zu Tode gestürzt. Die Überlebenden wollten wissen wieso - so einfach war seine Aufgabe.
Stark hatte er sich auch gestern gefühlt, als er hier eintraf, die Leiche in seinen Besitz nahm und die Sache anpackte.
Jetzt war ein Tag und eine Nacht vergangen, und er musste die Sache zu einem Ende bringen. Schon bald. Es würde ihm gelingen.
Er war sich dessen auch dann noch sicher, als er eine halbe Stunde später von Bäumlins Tod erfuhr.
Achtes Kapitel
„Du bist in der Zeitung“, sagte Esther mit gedämpfter Stimme. Sie stellte Bergers Kaffee auf den Tisch, und legte den „Brienzer“ daneben, ein Lokalblatt, das Dienstags und Freitags erschien. Die Dienstagsausgabe bestand aus einem einzigen Blatt, einfach gefaltet, so dass vier Seiten entstanden.
„Der da vorne ist übrigens ein Reporter, von der Berner Zeitung“, sagte sie ebenso leise. Sie machte eine schwache Bewegung mit dem Kopf und eine deutlichere mit den Augen. Dann ging sie.
Der Mann war der einzige Gast ausser Bergern. Er sass unweit der Türe und las in einer Zeitung, die zu einem Teil von Sonnenlicht überworfen war, das in schmalen Streifen durch die Fenster hereinfiel.
Der Artikel im „Brienzer“, den Esther gemeint hatte, war einfach zu finden. Ein einziges, grob gerastertes und blasses Schwarz-Weiss-Foto war in dem Blatt abgedruckt, auf der dritten Seite. Es zeigte die neue Brücke von Brienzwiler, allerdings in einem früheren Baustadium.
Die Schlagzeile lautete: „Tödlicher Unfall in Brienzwiler“.
Darunter ein kurzer, zweispaltiger Bericht.
„Die Kantonspolizei teilt mit, dass sich in Brienzwiler auf der Strassenbaustelle ein tödlicher Unfall ereignet hat. Gestern morgen wurde unterhalb der Brücke der Nationalstrasse N 8 die Leiche eines 25-jährigen Mannes gefunden. Die Umstände, die zum Tod des Mannes führten, sind noch nicht geklärt. Die Kriminalpolizei Thun hat, wie die Redaktion in Erfahrung brachte, Ermittlungen aufgenommen.
Betroffen ist offenbar ein Mitarbeiter der Baufirma, die mit dem Brückenbaulos betreut worden war, die Blumer Bau in Interlaken. Befragungen der Redaktion vor Ort ergaben, dass der Mann möglicherweise bereits am Sonntag bei einem Sturz von der Brücke den Tod fand. Dass die Leiche nicht vorher gefunden wurde, könnte mit dem Betriebsausfall der Brünigbahn (siehe in dieser Ausgabe) in Zusammenhang stehen, die unmittelbar am Unfallort entlang verläuft.
Weiter konnte in Erfahrung gebracht werden, dass der Mann nicht in der näheren Region beheimatet war. Vor Redaktionsschluss war im Stadthaus in Thun keine weitere Auskunft zu bekommen. Kommissar Neuhaus als leitender Beamter ist derzeit mit anderen Aufgaben betraut. Die mit der Angelegenheit beschäftigten Beamten konnten nicht erreicht werden. Ob es sich um einen Unglücksfall handelt, oder ob mit einem Verbrechen gerechnet werden muss, ist derzeit noch offen.“
Berger sah auf. Esther stand hinter dem Buffet, auch über eine Zeitung gebeugt. Der Reporter an seinem sonnigen Tisch las ebenfalls.
Berger suchte die angesprochene Meldung. Sie lautete:
„Infolge des Föhnsturms vom vergangenen Wochenende ereignete sich am Sonntag nachmittag ein längerer Betriebsausfall der Brünigbahn. Im Bereich Schilligsflüh, zwischen Meiringen und Brienzwiler, kam es um ca. 14 Uhr zu einem ungewöhnlichen Felssturz im Umfang von rund 100 m3. Dabei wurde ein Fahrleitungsmast in Mitleidenschaft gezogen. Der Schaden konnte bis am Abend behoben werden. Der Schnellzug mit Ankunft in Brienz um 19 Uhr 14 verkehrte wieder fahrplanmässig. Bis dahin wurden die Bahngäste zwischen Brünig Kulm und Brienz mit Bussen befördert. Grund für den Felssturz war laut Mitteilung der SBB ein umstürzender Baum in der Fluh oberhalb des Trassees. Weitere kleinere Schäden an der Strecke im Anstieg zum Pass, verursacht durch den kurzzeitig aussergewöhnlich starken Föhn am Sonntag, konnten mit wenig Aufwand behoben werden.“
Ein findiger Mensch war dieser Redaktor. Berger zog innerlich den Hut vor ihm.
Er hatte es nicht für wichtig gehalten. Von den vorbeifahrenden Zügen aus hätte die Leiche unter der Brücke gesehen werden müssen. Küenzli lag mit seinem weissen Hemd möglicherweise mehrere Stunden dort im Gras, während es noch hell war. Besonders bei Föhn.
Aber mehr als diese Erwägungen beschäftigen Bergern andere Bilder. Plötzlich hatte die Brücke von Brienzwiler ein neues Gesicht, ein lebendiges. Gestern hatte sie sich in einem traurigen Nieselregen geduckt und still gehalten. Heute zeigte sie sich von ihrer imposanten Seite, hell ins Sonnenlicht getaucht. Und am Sonntag?
Da hatte sie eine Stimme!
Der Föhn, dieser mächtige Berggenosse der Oberländer Dörfer. Er scherte sich nicht um Jahreszeiten. Wenn er über die Pässe einfiel, dann füllten sich die Täler mit einer betörenden Wärme, mit einer vielstimmigen Geräuschkulisse dazu, mit ungewohnten aufregenden Gerüchen. Sturm eben, oder doch etwas anderes?
Vielleicht wie eine starke Brandung am Meer, geheimnisvoll, ein wenig unheimlich und voller Magie, sämtliche Sinne des Menschen ansprechend - selbst den Tastsinn. Hatte nicht die Frau des Sattlers in Meiringen gesagt, die Haare ihres Mannes unten vor dem Haus waren ganz zerzaust? Wie von einer übermütigen Liebhaberin!
Und Küenzli war ohne Kittel gestorben. Er hatte sich, umgeben von den Stössen des warmen Föhns, ausreichend gekleidet gefühlt, in seinem dünnen Sonntagshemd. Sicher hatte der weisse Stoff in einem seltsam gleissenden Weiss sich von der Umgebung abgehoben, als er hinaus auf die Brücke schritt. Es gab keine reinere Luft, als wenn der Föhn ging und die Sonnenstrahlen versetzten Landschaft, Farben, Strukturen und Formen in eine faszinierende Realität.
Esther erlaubte sich wieder, sich an Bergers Tisch zu setzen. Jetzt trug sie wieder ihre weisse Bluse, Schürze und schwarzen Jupe.
„Und, hat sich etwas ergeben?“
Er sah keinen Anlass, ihr etwas zu verheimlichen. Sie war keine Fremde mehr. Und er war froh, reden zu können.
„Nichts Erfreuliches, leider.“
Sie sah ihn ernst an.
Er machte ein etwas fröhlicheres Gesicht und sagte:
„Na ja, wenn es nicht so traurig wäre, dann wäre es lustig. Es ist nämlich so. Bäumlin ist abgehauen, weil er glaubt, Schild habe Küenzli ermordet, nehme ich an. Und umgekehrt gilt das gleiche: Schild hat eine Riesenangst, weil er glaubt, Bäumlin habe ihn ermordet.“
Sie lachte nicht, er auch nicht.
„Aber es war keiner von beiden, höchstwahrscheinlich.“
Jetzt musste er doch lächeln.
„Es scheint, als habe Küenzli sich ein wenig in die Angelegenheiten der beiden gemischt. Die nicht ganz sauber sind. Nichts Schlimmes. Versicherungsbetrug. Mit der Bauerei. Wahrscheinlich haben die beiden ausgeheckt, einiges billiger zu bauen, in Bäumlins Haus, als die Versicherung den Brandschaden eingeschätzt hat. Material hier sparen, dort eine billigere Isolation nehmen. Das zählt sich zusammen, über drei Stockwerke. Und mit den Arbeitsstunden kann Schild wahrscheinlich auch ordentlich sparen. Vor allem, weil er Leute schwarz mitarbeiten lässt und seine Kinder mit einspannt, die Frau vielleicht auch, als Bürokraft und was weiss ich. Das ist an sich nicht mein Ressort.
Küenzli wollte offenbar mitverdienen. Er hat am Sonntag Bäumlin darüber, sagen wir mal, in Kenntnis gesetzt. Ich habe ein Beweismittel, einen Zettel, auf dem Küenzli die Versicherungsgesellschaft und einen Betrag, um den es geht, notiert hat.
Dann geschah folgendes: Immer noch am Sonntag. Bäumlin ruft Schild an, der noch bei seiner Schwiegermutter am Küchentisch sitzt, nach der Versammlung. Bäumlin weiss nicht weiter und sagt, wir sind erledigt, oder sonst was. Dann Funkstille. Am Montag ist Schild wieder in Bäumlins Haus, an der Arbeit. Da ruft seine Schwiegermutter bei Bäumlin an, wobei dieser vielleicht vernimmt, dass Küenzli tot sei. Schild vernimmt es auch zu diesem Zeitpunkt. Ich nehme jetzt aber an, Bäumlin und Schild haben sich darüber nicht ausgesprochen. Vielleicht wegen Bäumlins Frau. Ich habe ja vorhin mit ihr gesprochen. Und sie scheint nichts zu wissen von der Versicherungssache. Darum hat ja Bäumlin jenes Telefon mit Schild nicht in seinem Haus führen wollen, ist mit föhnzerzaustem Haar im Dorf telefonieren gegangen.
Jetzt wieder gestern mittag. Nach dem Mittagessen. Ich komme zu Bäumlin, der mir ziemlich nervös erscheint. Kaum habe ich mit ihm gesprochen, macht er sich auch schon aus dem Staub. Ziemlich weit weg. Nach Luzern. Wo er niemanden kennt, wie seine Frau sagte.
Dann kommt Schild. Und ich gleich hinterher. Da lasse ich ihn schon mal wissen, dass ich einige Spuren verfolge, spreche sogar von Versicherungen, ohne genau zu wissen, ob es das ist. Er wird nicht schlau aus der Sache. Er weiss nur, Bäumlin ist weg. Er hat sich bei dessen Frau erkundigt.
Heute morgen hat er mir nicht den Eindruck gemacht, als sei er bloss ein kleiner Versicherungsbetrüger. Das allein kann für ihn in der Bruderschaft böse Folgen haben. Aber das bringt ihn nicht so aus dem Konzept. Er ist ziemlich abgebrüht, wenn auch nicht unbedingt bösartig. Ein ziemlich romantischer Mensch sogar. Und was denkt er? Ich möchte wetten, er hält Bäumlins Flucht für ein Eingeständnis. Kommt ganz darauf an, was der Inhalt ihres Telefongesprächs am Sonntag war. Und Bäumlin seinerseits ist abgehauen, weil er Schild für einen Mörder hält. Wenn man ihn so sieht, kann man sich das tatsächlich vorstellen. Zudem habe ich den Sattler erschreckt, als ich in seinem Haus aufkreuzte. Vielleicht dachte er, ich sei nicht bloss wegen Schild da, sondern ich hätte auch schon Wind von der anderen Sache bekommen.“
Esther sah nicht so aus, als habe sie allzu viel verstanden. Er fuhr fort:
„Wichtig ist, dass sie nicht miteinander gesprochen haben, sich dafür weiss nicht was ausmalen, vor allem, dass ihr kleines Kavaliersdelikt, die Versicherung übers Ohr zu hauen, nicht mehr so harmlos ist, mit einem Toten. Beide haben Angst, der andere sei ein Mörder. Ich denke aber, das ist nicht möglich. Soweit ich das sehe. Eine gewisse Komik liegt schon darin, nicht?“
„Ein bisschen, aber red mal weiter.“
„Also weiter. Was weiter? Ach ja, Erich. War er dabei, als Küenzli Bäumlin den Zettel zeigte, ihm sagte, dass er sich da auch ein wenig beteiligen möchte? Bäumlins Frau konnte es nicht sagen. Sie hat nicht darauf geachtet, ob noch jemand im Auto sass.
Wann, wo und wie hat Küenzli Erich abgesetzt? Das weiss ich nicht. Vielleicht hätte ich doch gestern schon mit dem Jungen reden sollen...“
„Er hätte nichts gesagt“, sagte Esther.
„Warum meinst du?“
„So wie du mir die Sache mit seiner Mutter geschildert hast, den Nervenzusammenbruch. Und dass der Junge am Morgen zuhause war, nicht in der Schule. Ich weiss nicht...“
Berger billigte ihr dieses Urteil zu, schliesslich war sie Lehrerin und verstand von Kindern mehr als er.
„Du hast recht. Vielleicht gefällt mir einfach das Spielchen von Bäumlin und Schild zu gut und ich bin bloss traurig, dass keiner der beiden als böser Mensch ins Gefängis muss.“
Er liess ihr Zeit, sich dazu zu äussern. Das tat sie aber nicht. Er sagte ein paar Wörter, als hätten sie einen unbekannten Zusammenhang:
„Schilds Frau... und dann die kleine Freuler... und eben diese Frau mit dem roten Auto...“
Berger hatte vorhin einen etwas lockeren Ton angeschlagen. Das fiel ihm jetzt auf, und er kam langsam davon herunter. Er sagte weiter:
„Schild ist ein unausstehlicher Typ, und ich gäbe einiges darum, wenn ich ihm die Flügel stutzen könnte. Aber er hat Küenzli nicht mehr gesehen, nachdem der von der Versammlung wegfuhr, mit Erich. Die Zeitangaben... Zeugen... undsoweiter. Da besteht kein Zweifel.“
Esther sagte:
„Dem Jungen würde es aber nichts bringen, wenn sein Vater ins Gefängnis käme, oder?“
Berger grübelte darüber nach.
„Tatsächlich nicht - die Mutter ist ja schon mal weg.“
„Vielleicht findest du ja die Frau, mit der Erich nach Hause fuhr?“
„Ja, das wäre gut.“
„Willst du noch was essen?“ fragte sie jetzt und stand auf.
Es kamen Gäste zur Tür herein. Arbeiter, die Znünipause hatten. Nicht die mit den schmutzigen Überkleidern. Wahrscheinlich Elektriker, schätzte Berger.
Er schüttelte den Kopf und Esther ging die Männer bedienen.
Der Reporter stand von seinem Tisch auf und machte sich an die Leute heran. Offenbar hatte er sich mit ihnen verabredet, denn er stellte sich nicht vor.
Berger beachtete ihn nicht weiter. Er sah Esther zu, wie sie Bierflaschen und Kaffeetassen auf Tabletts zu den Tischen trug, Gipfeli und Sandwiches verteilte.
Sie hatte gut reden: „Finde doch die Frau...“
Aber sie hatte nur zu recht.
Er redete ihr den Kopf voll, von Bäumlin und Schild, von Schild und Bäumlin und sie sagte einfach:
„Finde doch die Frau, die den Jungen nach Hause gebracht hat“.
Und sie sprach von Erichs Mutter, von ihrem Nervenzusammenbruch, von Erich, der seinen Vater nicht verlieren sollte.
Darum ging es doch.
Und den Reporter von der Berner Zeitung hatte sie auch von ihm ferngehalten. Ein fürsorgliches Frauenzimmer war Esther, zu allem Übrigen. Und ob er etwas essen wolle...
Er ging hinaus und telefonierte mit Thun.
„Dein Bäumlin ist tot“, sagte von Gunten am anderen Ende der Leitung.
„Ich gebe dir die Nummer der Kripo in Luzern. Ist sonst alles in Ordnung bei dir?“
Berger brummte etwas von mehr oder minder.
Er wählte die Nummer, die ihm von Gunten durchgab. Er bekam einen Inspektor Reuter ans Telefon.
Dieser sagte: „Ich habe auf Ihren Anruf gewartet. Was war denn mit diesem Bäumlin?“
„Weiss auch noch nicht, was ist denn passiert?“
„Selbstmord, allem Anschein nach. Im Central. Ich habe zuerst drei andere Hotels angerufen, die ungefähr gleich weit vom Bahnhof weg sind wie das Central. Dann hatte ich ihn. Er hat gestern um etwa vier Uhr eingecheckt und ist auf sein Zimmer verschwunden. Ob er sich gleich erhängt hat oder später, kann ich noch nicht sagen, Sie bekommen den Bericht zugeschickt.“
„Erhängt.“
„Ja. Ich habe ihn selber heruntergeholt. An einem Heizungsrohr im Bad. Mit der Kravatte. Er hat einen sauberen Knoten gemacht.“
„Haben Sie die Fenster überprüft?“
„Ja, waren zu. Das Central hat keine Brüstungen oder sonst was. Und in der Zimmertüre war abgeschlossen, der Schlüssel innen im Schloss. Es scheint eindeutig zu sein. Hat er was angestellt?“
„Hat er etwas hinterlassen?“
„Nichts. Er hat seinen Kittel über eine Stuhllehne gehängt, das ist alles. Portemonnaie im Kittel. Warten Sie... Zweihundert Franken, rund. Eine Fahrkarte mit Datum von gestern, Erste Klasse, Meiringen-Luzern retour.“
Eine Weile war es still in der Leitung. Dann fragte der Luzerner:
„Ich habe noch nichts unternommen, wegen der Angehörigen. Ich sollte ja erst Thun informieren. Man hat mir gesagt, Sie werden anrufen.“
Berger rief in Meiringen an, auf der Gemeindeverwaltung.
„Haben Sie einen Sozialarbeiter?“ fragte er.
„Ja, und sogar einen ziemlich guten.“
Berger sagte so höflich, wie es ihm eben möglich war:
„Es ist vielleicht ein bisschen aussergewöhnlich. Aber ist es möglich, dass er einen Angehörigen wegen eines Todesfalles aufsucht?“
„Wegen was?“
„Um einen Todesfall mitzuteilen.“
„Ich weiss nicht, da muss ich erst fragen.“
„Tun sie das“.
Berger hätte gerne geraucht. Aber Tabak und Papier lag drinnen auf dem Tisch. Er wartete.
„Sind Sie noch da... Das ist eigentlich nicht möglich, normalerweise ist der Pfarrer dafür zuständig.“
„Machen Sie eine Ausnahme, es ist sicher im Interesse der Frau.“
„Ich weiss nicht, ob er das machen kann.“
„Dann rufen Sie mich im Balmhof in Brienzwiler an, wenn es nicht möglich ist.“
„In Ordnung, wie war doch gleich Ihr Name?“
Als er zurück ins Lokal kam, sass Friedli an Bergers Tisch, ein Bier vor sich, aus dem er eben einen ersten Schluck genommen hatte. Der Schaum rann noch am Glas herab. Berger grüsste, hockte ab und schwieg. Er griff zu Papier und Tabak und seine Finger erledigten den Rest.
„Der in Luzern... er hat sich umgebracht.“
Friedli, der älteste der Thuner Inspektoren, schwieg. Er nahm aus einem Päckchen eine Zigarette. Dann sagte er:
„Dann sind es jetzt schon zwei.“
„Dabei wird es auch bleiben“.
„Neuhaus wird dann öppe keine Freude haben, dass er das verpasst hat.“
Er legte sein furchenreiches Gesicht in ein gutmütiges Grinsen. Berger bedeutete ihm, nicht zu laut zu sprechen. Der Reporter sprach zwar noch mit den Handwerkern einige Tische weiter, hatte aber ein oder zwei Mal herübergeschaut.
Esther sah Bergern winken, kam rasch rüber.
„Einen Express und einen Grappa“, sagte er, und zu Friedli:
„Nimmst du auch noch etwas?“
„Jetzt noch nicht.“
Esther ging.
Berger fragte:
„Hast du etwas gefunden, bei Schild?“
„Nichts, aber das ist doch auch schon was, oder?“
„Er hat das Zeug verräumt. Aber das nützt ihm nichts. Ich habe das von Bäumlin und wichtig ist ja, was die „Helvetia“ selber an Unterlagen hat. War die Frau Blatter im Haus?“
„Es war niemand da. Ich musste bei diesen Blatters anrufen. Sie entschuldigte sich, und sagte, sie müsse auch bei sich zu Hause zum Rechten sehen. Sie werde erst gegen Mittag zu Schilds fahren und dort das Essen machen. Sie war dann dort, als ich kam, mit ihrem Mann, denke ich. Sie hat mir das Büro gezeigt, das in der Werkstatt neben dem Haus ist. Sie haben draussen in der Einfahrt gewartet, bis ich fertig war.“
„Gut, also, du musst jetzt einen Wagen finden. Einen roten, mit rundem Dach, ein VW oder ein ´Döh Schwoh` oder etwas ähnliches. Fang hier in Brienzwiler an.“
Er sagte jetzt nicht mehr „bitte“ und „du solltest“. Es fiel weder Friedli noch Bergern auf. Der Tod von Bäumlin wog doch ziemlich schwer.
Berger diktierte:
„Das Auto wurde von einer jungen Frau gefahren, dunkle, lange Haare, mittelgross, am Sonntag, späterer Nachmittag. Irgendwo zwischen Meiringen und Brienz hat sie einen Jungen, zwölfjährig, sehr kurze Haare, eingeladen und zu Schilds gefahren. Vielleicht waren da noch ein oder zwei Männer dabei, der junge Küenzli, fünfundzwanzig Jahre, dunkle, sehr kurze Haare und Bäumlin, etwa fünfzig, grau gescheitelt. Frag dich hier unten durch, auch oben auf der Baustelle, ob jemand da war, am Sonntag. In Meiringen fragst du die Angestellten der Sattlerei Bäumlin in der Hauptstrasse. Vielleicht sind auch noch Verwandte oder Bekannte der Bäumlins in der Nähe. Eine Tochter vielleicht. Dann die Anwohner. Frau Bäumlin lass in Ruhe. Dann in Brienz, die ganze Strasse rauf zu Schilds, von oben nach unten.“
„Weiss die Frau von Bäumlin, dass er tot ist?“
„Es ist organisiert. Wenn es nicht klappt, bekommst du hier ein Telefon von der Gemeinde in Meiringen. Sollte aber klappen. Vielleicht schicken sie doch den Pfarrer... aber das hat nichts...“
Berger griff zu der kleinen Kaffeetasse, die Esther auf den Tisch stellte, trank die Hälfte des Espressos ohne Rahm und Zucker und trank auch den halben Grappa leer.
„Hast du Vermutungen, wo das Auto sein könnte?“ fragte Friedli.
„Keine Ahnung. Vielleicht war es sogar irgendwer, nicht einmal von hier. Der Junge ist vielleicht irgendwo aus Küenzlis Auto hinausgeworfen worden und jemand hat ihn aufgelesen. Er war am Tag darauf nicht in der Schule. Ach ja, genau: Frag in Meiringen auch noch am Bahnhof. Vielleicht sollte Erich mit dem Zug nach Hause fahren und hat es nicht getan. Vielleicht... nein, das langt erst mal.“
Friedli wunderte sich über die Unsicherheit, die zuletzt in Bergers Worten mitschwang. Er fragte:
„Und was machst du?“
„Ich muss nach Münsingen. Die Mutter des Jungen ist dort. Sie war die Vermieterin von Küenzli, und mit dem hatte sie was. Sie ist zusammengebrochen, als ich ihr sagte... als sie vernahm, dass er tot sei. Ich muss ihr ein paar Fragen stellen. Ruf mich in der Klinik in Münsingen an, wenn du was hast.“
„Wann?“
Berger sah auf die Uhr über dem Buffet.
„Sagen wir, um Viertel nach Zehn.“
„Und wenn ich nichts mehr zu tun habe, bis dann?“
„Das wäre gut... nein, dann schau mal in den Wagen von Schild, in Meiringen, bei Bäumlins. Vielleicht hat er ja sein Zeug aus dem Büro bei sich. Ach...“
Berger lächelte ein bisschen verlegen.
„Küenzlis Kadett steht immer noch oben bei der Brücke. Fahr ihn auf den Posten in Brienz. Aber nur, wenn du Zeit hast.“
In diesem Augenblick kam Bergern ein Gedanke. Den er für sich behielt. Und in rascher Folge blitzten Bilder auf, die er festzuhalten versuchte. Es musste daran liegen, dass er sich bereits auf das Gespräch mit Erichs Mutter einzustellen begann, vor dem er sich sogar ein wenig fürchtete. Bisher hatte er nur vage Vorstellungen davon gehabt, was er mit der Frau anfangen sollte. Ob er überhaupt mit ihr sprechen sollte, wenn es denn die Ärzte zuliessen.
Doch jetzt tauchten Bilder vor ihm auf, die wichtig zu sein schienen, und die Bergern das nötige Selbstvertrauen verliehen, um Elsbeth Schild gegenüberzutreten.
Friedli musste es bemerkt haben, denn er schwieg. Berger zog sein Portemonnaie aus der Tasche. Er legte Geld auf den Tisch. Friedli protestierte. Berger beharrte darauf:
„Gestern hast du bezahlt. Heute bin ich an der Reihe.“
Sie standen auf und gingen nach vorne zur Türe.
„Auf Wiedersehen“, sagte Berger zu Esther, die hinter dem Buffet stand und ihn ansah.
Friedli sagte zu ihr, er käme gleich zurück. Er folgte Bergern zu dessen Wagen. Berger suchte im Handschuhfach den Schlüssel zu Küenzlis Kadett.
„Willst du hier oben ein Konzert geben?“ fragte Friedli, der den Gitarrenkasten auf dem Rücksitz liegen sah.
„Was? Ach so. Vielleicht. Kennst du die Geschichte: Der Rattenfänger von Hammeln?“
„Nö.“
„Aber ich... Hier.“
Er reichte Friedli den Schlüssel zur Tür hinaus, machte sie zu und fuhr los.
Die schroffen Berghänge unten am Brienzersee waren noch mit Schnee überworfen, der gestern gefallen war, ganz oben am Gipfelgrat. Aber die weissen Flächen waren schon ins Rutschen gekommen und über den Kreten zur Sonne hin schmolz er schon wieder weg. Unten am See wärmten sich die diversen Dörfer, durch die Berger fuhr, im Sonnenlicht, das auch von der trägen Wasserfläche an den Hang heraufspiegelte.
Berger konnte sogar das Fenster einen Spaltbreit aufmachen, so warm war es. Die steilen Weiden rechts am Hang und links hinunter zum Wasser zeigten ein kräftiges Grün. Bald würde der Löwenzahn hier schon blühen.
Er benötigte ungefähr eine Stunde, um Münsingen zu erreichen. Die Klinik lag ausserhalb des Dorfes. Eine lange, von Alleebäumen gesäumte Strasse führte hinaus zu dem Gebäudekomplex, der hier in der weiten Senke der Aare am Fuss von niedrigen Hügeln stand. Die Berge mit ihren sonnigen Hängen waren weit weg und hier draussen dampfte die Erde noch in einer dumpfen Feuchtigkeit.
Berger musste sich am Empfang ausweisen. Erst dann nahm die Dame den Hörer von einem Telefon und liess den Arzt kommen, der Elsbeth Schild betreute. Berger sah durch die Glasscheiben im Innern des Empfangsbüros eine Uhr an der Wand. Sie zeigte auf Viertel nach Zehn.
Berger ging hinüber zu einer Anzahl Stühle und einem Tischchen in einer Ecke, blieb aber stehen.
Friedli war pünklich. Drüben im Empfangsbüro läutete ein Telefon. Berger wurde durch die Glasscheiben gemustert. Dann schrieb die Dame etwas auf, legte auf und winkte ihm.
Sie reichte ihm einen Zettel mit einer Telefonnummer, samt Oberländer Vorwahl.
„Ein Herr Friedli möchte mit Ihnen sprechen. Ich kann Sie leider nicht verbinden. Aber da drüben sind Telefonzellen.“
Er ging hin und wählte die Nummer, behielt aber den Empfang im Auge. Friedli nahm sofort ab und erstattete Bericht:
„Ich bin in Brienz, auf dem Posten hier. Habe bisher nichts Handfestes. Der Wirt vom Balmhof hat einen roten VW. Aber das weisst du ja vielleicht schon. Ich habe ihn trotzdem gefragt, wo sein Auto am Sonntag war. Er sagt, bei ihm hinter dem Hotel. Sei nicht benutzt worden. Bei Bäumlins und sonst in Meiringen nichts. Sie haben eine Tochter, die aber in Bern wohnt und am Sonntag nicht da war. Hier in Brienz habe ich noch nicht angefangen, habe aber Küenzlis Auto heruntergefahren.“
Berger sah draussen in der Halle einen Mann in weissem, langem Kittel, der zum Empfang schritt, etwas sagte und dann zu ihm herübersah.
Berger machte ihm ein Zeichen und sagte zu Friedli:
„Du, da wartet einer auf mich. Ich muss Schluss machen. Aber du musst mir jetzt etwas anderes machen. Fahr nach Meiringen zu Bäumlins. Hüte dort das Telefon. Es steht im ersten Stock in der Werkstatt. Und schau, dass Schild, der Schreiner, im Haus bleibt. Er arbeitet oben im zweiten Stock. Lass ihn nicht weg. Ich rufe dich in ungefähr einer halben Stunde dort an.“
„Und wie komme ich jetzt nach Meiringen?“
„Warum?“
„Mein Auto ist in Brienzwiler.“
„Ach, ja. Lass dich hinfahren, oder nimm Küenzlis Auto nochmals. Aber es ist wichtig, dass du gleich hinfährst.“
Berger wollte schon einhängen. Dann sagte er aber noch zu seinem Kollegen:
„Stell aber Küenzlis Kadett nicht vor den Balmhof, oder zum Bahnhof. Stell ihn hinters Hotel.“
Er trat aus der Kabine und ging auf den Arzt zu, der mit der Dame am Empfang sprach.
Sie schüttelten sich die Hände.
„Herr Berger. Sie wollen mit Elsbeth Schild sprechen. Das ist mir eigentlich nicht recht.“
Die Dame hinter ihren Glasscheiben schien nicht zuzuhören. Sie war wohl solcherlei gewohnt. Der Arzt sah Bergern an und sprach weiter:
„Kennen Sie Frau Schild?“
„Ich habe Sie aufgelesen, gestern in ihrem Haus.“
„Ah ja. Gut. Kommen Sie doch bitte mal in mein Büro.“
Ein Lift brachte sie nach oben. Berger hatte keine Lust, allzu lange mit dem Arzt, der Winterberger hiess, zu sprechen. Dieser stellte einige Fragen, Berger antwortete kurz. Als sie einen Gang entlang gingen, sagte Berger:
„Vielleicht könnten wir nachher noch miteinander sprechen. Ich möchte mich möglichst rasch mit Elsbeth Schild unterhalten.“
Der Arzt nahm wohl an, dass Berger dem Gespräch mit seiner Patientin einiges Gewicht beimass. Aber dem war nicht so. Im Gegenteil. Er wollte es einfach möglichst schnell hinter sich bringen.
Endlich hatte er das Gefühl, die Zügel in den Händen zu halten. Dank Friedlis Anruf, natürlich. Aber Berger hatte schon damit gerechnet. Spätestens seit der Nachricht von Bäumlins Tod war er auf die richtige Spur eingeschwenkt.
Der Arzt blieb mitten im Gang stehen und sagte:
„Gut, wenn Sie meinen. Ich lasse sie hinunterbringen. Gehen Sie mit ihr nach draussen. Bringen Sie sie nachher zurück. Man wird sie am Empfang abholen. Sie ist in guter Verfassung. Aber reden Sie nicht mit ihr über ihre Affären, mit Küenzli und anderen. Das könnte nicht gut kommen. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn sie nicht allzu viel sagt. Sie ist noch sehr schwer erreichbar. Und wenn Sie mich nachher noch wollen: ich habe mein Büro dort am Ende des Gangs.“
Er gab Bergern die Hand.
Während Berger unten wartete, vergegenwärtigte er sich wieder ein Bild, das ihn schon eine Weile beschäftigte, und das neue Kraft erhalten hatte, als Friedli von einem roten VW sprach, der hinter dem Hotel Balmhof in Brienzwiler stand.
Die Brücke in Brienzwiler: Küenzli schritt hinaus auf das Bauwerk, in beschwingter Stimmung. Nicht als Opfer eines kurz bevorstehenden Verbrechens. Sein Hemd leuchtete, fast unerträglich hell. Er hatte seinen Kittel im Auto gelassen, nicht weil er dazu genötigt wurde. Er fühlte sich gut. Genoss die wild bewegte, warme Luft, die von den Pässen im Osten her das Tal herabwogte.
Er hatte den Kopf zur Seite gewandt, sah hinab auf Erich, der neben ihm ging, redete auf ihn ein. Er musste zuweilen laut sprechen, fast schreien, wenn der Föhn anschwoll, unter der Brücke durchtoste, die Erlen entlang der Aare niederbog.
Über der Brücke ein dumpfes Rauschen, aus dem niedrigen Tannenwald, der sich dort an Felsen festkrallte. Andere Geräusche dazwischen. Das Klappern der Holzlatten in ihren Halterungen entlang des Brückenrandes. Klänge von Metall, drüben am Brückenkopf, wo Material gestapelt war, Maschinen standen.
Und Küenzlis Kadett.
Aus dem auch Erich ausgestiegen war.
Und noch ein Geräusch war da in Bergers Bild:
Das Knattern einer Plastikblache, draussen auf der Brücke. Sie zerrte an den Betonblöcken, die auf ihr lagen. Entblösst lagen Zementsäcke daneben auf ihrem Holzpalett. Die Blache loderte wie eine Flamme waagrecht hinaus über den Brückenrand, unter den rotweissen Latten am Brückenrand hinaus ins Leere.
Worüber redete Küenzli, zu dem Jungen, der neben ihm schritt, auf die Stelle zu, wo die Zementsäcke standen?
Noch gab es keine Lücke in den Lattenreihen am Rand der Brücke. Noch waren die Zementsäcke dort unversehrt. Aber Küenzli hatte ein Messer im Sack. Ein kleines, elegantes Taschenmesser, mit dem er vielleicht manchmal seine gepflegten Fingernägel reinigte, das er gewohnheitsmässig in seine Hosentasche gleiten liess, wenn er sich anzog.
Fast war Berger jetzt dankbar für die Geschichte von Abraham und Isaak, die Erichs Vater ihm aufgetischt hatte. Schild hatte zwar damit etwas anderes sagen wollen. Aber Bergern kam das Bild des opferfreudigen Vaters jetzt zugute. Es rückte manches in eine anderes Licht.
Berger hörte, wie sich eine Liftüre öffnete und kehrte zurück in die Wirklichkeit.
Neuntes Kapitel
Elsbeth Schild trug den Mantel und die Schuhe, die Berger gestern selber zum Krankenwagen gebrachte hatte, bevor sie abtransportiert worden war. Sie hatte auch ihren Rock an. Ihre Haare waren auf dieselbe Weise nach hinten verknotet wie gestern. Sie sah Bergern schon von weitem an. Er konnte nicht sagen, ob sie ihn wiedererkannte.
Sie nahm die Hand, die er ihr hinstreckte.
Die Pflegerin, die Erichs Mutter begleitete, sagte:
„Also, bis nachher, Frau Schild“.
Elsbeth Schild lächelte freundlich und ging mit Bergern hinaus.
„Sie erinnern sich wohl an mich“, fragte Berger.
„Ja, ja.“
„Gehen wir da lang?“
Berger suchte einen Weg aus dem Gebäudekomplex hinaus zur Sonne hin. Sie fanden eine Grünanlage vor einer hellen Fensterfront. Vor einer Bank blieben sie stehen und setzten sich schliesslich.
Berger wäre lieber weitergegangen. Er wagte es aber nicht, sich mit ihr von der Klinik zu entfernen. Und es hätte auch keinen Sinn gehabt. Er hatte kaum noch etwas mit ihr zu reden.
Er hatte es schon vor der Fahrt nach Münsingen geahnt, im Balmhof, als er Esther auf den neusten Stand der Dinge brachte und vom Bäumlins Tod erfuhr.
Er hatte geahnt, dass er ein wenig über das Ziel hinausgeschossen war.
Warum war er trotzdem nach Münsingen gefahren? Vielleicht bloss, um Distanz zu gewinnen, um die Bilder in ihm reifen zu lassen, die er mehr und mehr Wahrheiten gleichsetzte. Und um Kraft zu schöpfen für den Augenblick, da er handeln musste.
Elsbeth Schild lächelte ins helle Sonnenlicht hinein. Sie sah mit halb geschlossenen Augen über die Landschaft hinaus, die sich vor ihnen ausbreitete. Eine Dunststreifen leuchtete auf der anderen Talseite vor dem weitläufigen und nicht sehr hohen Belpberg. Seine bewaltete Kuppe hob sich dunkel vor dem blassen Blau des Himmels ab. In der unbewegten Luft schwebte das tiefe Motorengeräusch eines Traktors, der sich irgendwo in der weiten Ebene nicht von der Stelle zu bewegen schien.
Am besten war es, er sagte ihr, wie es war:
„Ich habe soeben mit meinem Kollegen in Brienz telefoniert. Die Sache hat sich offenbar aufgeklärt. Eigentlich gibt es nichts mehr, über das ich mit Ihnen sprechen müsste“, sagte Berger. „Die Ermittlungen sind so gut wie abgeschlossen.“
Er war nicht sicher, ob sie realisierte, was er sagte. Sie sah ihn nicht an, und so entging ihr, dass Berger ein wenig verlegen war.
Hier draussen im ausufernden Aaretal, in dieser so anderen Landschaft als jene, in der Schilds Zuhause war, kam sie Bergern viel menschlicher vor, als gestern in ihrem Haus.
Er hatte kein Mitleid mit ihr. Er nahm bloss wahr, wie weit sie ihrer Welt entrückt war, ohne ihre Kinder, ohne die unzähligen Wortwechsel mit ihnen, mit ihrem Mann, ohne ihre täglichen tausend Handgriffe im Haushalt. Das machte die Frau, trotz ihrer Bruderschaftsuniform, die sie zur Schau stellte, nahbarer.
„Es war ein Unfall,“ sagte er.
Auch Berger hielt sein Gesicht still zur Sonne hingewandt, als könne nur so ihre Wärme ganz in ihn dringen, als wäre sie der eigentliche Grund, warum man sich auf dieser Bank niedergelassen hatte.
In dieser Stellung verharrend wagte er eine weitere Bemerkung, die ihm nicht so müssig erschien, wie die Fragen, die er ihr noch vor einer Stunde hatte stellen wollen.
„Ich werde trotzdem noch mit Erich sprechen.“
„Von mir aus“, hörte er sie sagen.
Er hatte sie nicht um ihr Einverständnis gebeten. Doch sie hatte nur für diese Seite seiner Frage ein Gehör.
Berger hatte Zeit, sich solchen Betrachtungen hinzugeben. Es lag bestimmt nur an dieser warmen Sonne, der unbewegten Luft, den ungewohnt frischen Feldgerüchen, dass sie noch hier sassen.
Hatte sie sich je in ihrem Leben dem Willen eines Mannes widersetzt?
Vielleicht schon, auf ihre Weise, eine massvolle Weise - sie gab sich anderen Männern hin. Auf die Gefahr hin, ihre Familie zu verlieren. Was vielleicht im Grunde ihr Wunsch war.
Was bot ihr denn diese Familie? Eine Existenz in einer Sekte, die den Frauen eine Untertanenrolle zuwies und vielleicht noch mehr der Unerträglichkeiten - Kinder nach männlichen Richtlinien grosszuziehen, treue Mitglieder der Bruderschaft zu produzieren.
Musste sie nicht besonderen Gefallen an Küenzli gefunden haben? Der ihr ein ganz anderes Leben versprach, vielleicht sogar ausserhalb der Bruderschaft? Hatte er auch ihr gesagt, er habe Geld geerbt, werde ein Restaurant aufmachen, ein müheloses Leben führen, zusammen mit ihr?
All dies hatte er sie fragen wollen. Aber was spielte das noch für eine Rolle?
Es interessierte ihn nicht, ob Elsbeth Schild es war, die Küenzli Zugang zu den Geschäftsangelegenheiten ihres Mannes verschafft hatte, oder ob er sich heimlich an die Unterlagen herangemacht hatte. Es war sogar möglich, dass sie Küenzli auf den Versicherungsbetrug aufmerksam gemacht hatte. Aber auch das war unwichtig.
Dass ihm der Arzt geraten hatte, sie nicht auf ihre Beziehung zu Küenzli anzusprechen, war ihm nur recht. Er hielt es für müssig zu klären, wer von beiden der Erpresser war, Elsbeth Schild oder Simon Küenzli.
Berger drehte sich eine Zigarette. Eine ganze Weile war jetzt kein Wort gefallen.
„Gehen wir zurück?“ fragte er.
Er lieferte sie am Empfang ab, wie ihm der Arzt aufgetragen hatte. Mit einem Lächeln gab sie ihm die Hand.
Er fuhr mit dem Lift nach oben, ging den Gang hinunter und klopfte an die Türe mit dem Schild, auf dem unter anderem der Name Winterberger stand.
Wieder sprach er nicht lange mit dem Arzt. Hauptsächlich über Erich.
Er steuerte zielsstrebig auf eine Frage zu, die er Winterbergern zuletzt stellte:
„Sie denken also, Erich sollte so schnell wie möglich in Behandlung.“
„Ja. Aber zwingen können Sie ihn nicht, wie gesagt. Da muss schon etwas Unterstützung von Zuhause kommen. Es ist aber so. Sie können es sich vorstellen wie bei einer körperlichen Verletzung, einem Beinbruch. Zuerst sind die Schmerzen. Es macht keinen Spass, mit einem Beinbruch herumzuliegen. Dann die Infektionsgefahr. Es könnten weitere Schäden dazukommen. Schliesslich die Gefahr, dass das der Bruch nicht richtig zusammenwächst. All dies kann auch bei geistigen Verletzungen auftreten. Je schneller sie behandelt werden, desto besser.“
„Ein geistiger Beinbruch also.“
Berger sprach mehr zu sich selber, als zu Winterberger. Er war schon wieder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
Er fuhr hinab in die Halle der Klinik und betrat die Telefonkabine.
Friedli war auf seinem Posten. Er nahm das Telefon in Bäumlins Haus selber ab.
„Ist Frau Bäumlin nicht da?“ fragte Berger.
„Nein, aber hier ist noch jemand in der Werkstatt.“
„Gut. Und Schild?“
„Oben.“
„Hol ihn her. Aber, bevor ich es vergesse: Ich komme um die Mittagszeit mit einem Jungen von Schild. Ich rufe vorher noch an. Wenn Frau Bäumlin zurückkommt, dann sag ihr, sie soll sich in ihrem Zimmer hinten im ersten Stock aufhalten, wenn wir eintreffen. Sag ihr, ich brauche ihre Küche für eine Besprechung, und sie würde sich nur aufregen und so weiter. Und bleib beim Telefon.“
„In Ordnung.“
„Dann hol doch bitte jetzt Schild.“
Berger drückte die Türe der Telefonzelle etwas auf, denn der Rauch seiner Zigarette füllte den engen Raum aus. Er brauchte Luft zum Atmen. Denn er hatte viel zu sagen.
„Schild?“
„Berger. Grüessech Herr Schild. Wissen Sie das mit Bäumlin?“
„Was?“
„Er ist tot.“
Es blieb still im Hörer. Berger liess ihm Zeit für ein, zwei Atemzüge, dann sagte er:
„Hören Sie jetzt gut zu. Wir beide werden jetzt mal ein kleines Spielchen zusammen spielen. Wegen Erich. Und Sie werden schön mitspielen. Sonst wird Friedli, der neben Ihnen steht, sie in sein Auto laden und direkt nach Thun bringen. Und dort haben Sie dann sehr schlechte Karten. Wenn Sie aber tun, was ich sage, dann können Sie damit rechnen, dass mein Bericht an meinen Vorgesetzten zu Ihren Gunsten ausfallen wird. Denken Sie jetzt nicht zu lange nach, sagen Sie mir, ob Sie einverstanden sind. Nein, warten Sie. Sie können mir jetzt beweisen, ob sie das mit Abraham und Isaak ernst gemeint haben. SIE sind es jetzt, der entscheidet, ob das Messer fällt oder nicht, nicht Gott und auch nicht ich.“
Er schwieg. Das Spiel hatte begonnen.
„Was soll ich tun?“
„Schreiben Sie auf.“
Berger diktierte einen Satz, den er sich schon oben beim Arzt von Elsbeth Schild zurechtgelegt hatte. Der in das Bild passte, das er sich schon lange auszumalen begonnen hatte: Er, Berger, der Polizist, der junge Thuner Inspektor, Auge in Auge mit Erich Schild, dem Jungen, der gestern nicht zur Schule gegangen war, seine Muttern zusammen mit Bergern hatte am Boden liegen sehen.
„Haben Sie das?“ schloss Berger.
„Ja“.
„Ich werde Sie um die Mittagszeit, möglicherweise nach zwölf Uhr, bei Bäumlins anrufen, von Ihnen zuhause aus. Ich gebe Ihnen dann Erich ans Telefon und Sie werden ihm Ihr Sprüchlein aufsagen. Lernen Sie es schön auswendig und sorgen Sie dafür, dass es gut klingt. Alles weitere erfahren Sie dann von mir. Geben Sie mir jetzt nochmals Friedli.“
Berger gab auch Friedli seine Rolle in dem Spiel, das er sich ausgedacht hatte, um einem Jungen zu helfen, ein bisschen aber auch darum, weil er sich selber etwas zuliebe tun wollte.
Die Uhr im Empfangsbüro der Klinik Münsingen zeigte auf Viertel vor Elf, als er sich auf den Weg zurück ins Oberland machte.
Eine Stunde später stieg Berger die Treppe hinter Schilds Haus hoch. Er hörte Holz auf Holz schlagen. Oben an der Rückseite des Hauses war ein kleiner Unterstand, angefüllt mit Brennholz. Dort war ein kleiner Junge an einem wuchtigen Scheitstock mit einem Beil am Werk. Er hatte das Beil in einen vergleichsweise riesigen Totzen eingeschlagen und trieb das Eisen jetzt Schlag um Schlag tiefer in die Spalte. Rings um den Scheitstock lag bereits eine Menge solcherart bearbeitetes Holz.
Der jüngere Bruder von Erich, wie Berger annahm, bemerkte ihn erst, als der Totzen bezwungen war und die Scheite zu Boden fielen.
„Das Grosi ist da“, sagte der Junge, der einen neuen Totzen auf den Scheitstock stellte, drehte und wendete, bis er zum Schlag bereit war.
Das sollte heissen, dass er unmöglich Zeit hatte, sich um Bergern zu kümmern.
„Ah, sehr gut“, sagte Berger und wartete, dass die Türe aufging.
Er kam sich ein wenig dumm vor, mit seinem Gitarrenkasten an der Seite. Als würde er jetzt selber ein Spiel spielen, das zwar nicht von Gott und Teufel, nicht von Gut und Böse, nicht von ´wir und die anderen´ handelte, aber den Kindern der Schilds vielleicht doch so vorkommen würde, weil sie von ihren Eltern nichts anderes gewohnt waren. Weil sie nicht wussten, dass es auch Spiele ohne Gewinner und Verlierer gab.
Das vertraute Gewicht des massiven, schwarzen Kastens an seiner Seite gab ihm aber eine gewisse Ruhe, wenn er sich auch nicht sicher war, ob er seine Rolle gut spielen würde.
Die Türe ging auf. Hinter der behäbigen Figur der Grossmutter sah ein Mädchen mit langen, dicken Zöpfen hervor.
„Ah, Frau Blatter, Grüessech“.
Er ging an ihr und dem Mädchen vorbei und schritt zielstrebig durch den Gang, während Klara Blatter noch die Türe schloss.
„Sind die Kinder alle da?“ sagte Berger, ein ganz klein wenig wie der Kasper im Puppentheater.
Sie ging Bergern nach, der bereits mitten im hellen Wohnzimmer stand, seinen Kasten dort hinstellte und sich daneben in seiner ganzen Grösse aufrichtete.
Sie sah ihn ziemlich entgeistert an. Er zog die Augenbrauen nach oben, neigte den Kopf ein bisschen auf die Seite und sagte:
„Bitte, rufen sie doch rasch die Kinder herein. Ja?“
Sie wagte es nicht, einem Mann zu widersprechen, obwohl er ihr ansah, dass sie es gerne getan hätte. Schon auf dem Rückzug sagte sie:
„Aber Kurt ist nicht da. Er ist schon Angeln gegangen, mit seinem Onkel.“
„Nein, warten Sie“, hielt sie Berger zurück:
„Ist Erich unten? Holen sie doch zuerst nur den Jungen von draussen.“
Das Mädchen mit den Zöpfen stand schon in der Tür und Berger schenkte ihm ein breites Lächeln. Sie war ein Kind, das sich für solche Geschenke bedanken musste. Ihr Lächeln war herzerweichend. Da erschien auch der Junge, der einen Kopf kleiner war als seine Schwester.
Offenbar war er der Jüngste der Schilds, drei oder vier Jahre jünger als Erich, glich wie dieser der Mutter. Das Mädchen dagegen hatte einige Züge vom Vater geerbt, dieselbe schön geschwungene Stirne, über die ihr einige kräftige schwarze Locken baumelten.
Die Kinder traten in der Stube und sahen zu, wie Berger sein Instrument aus dem Kasten holte.
„Setzt euch doch einen Momentchen, da auf das Sofa.“
„Also,“ sagte er, schob das niedrige Tischchen vor dem Sofa etwas zurück und hockte sich darauf vor die Kinder hin. Die Gitarre hatte er vor den Bauch geklemmt und sprach darüber hinweg:
„Habt ihr schon etwas von Eurer Mutter gehört, wie es ihr geht?“
Er sprach leise, ohne eine bestimmte Betonung, aber versuchte, eine etwas geheimnisvolle Neugierde in seine Stimme zu legen.
Das Mädchen und der Junge schüttelten gleichzeitig den Kopf.
Hätte Berger sich nicht so sehr auf seinen Auftritt konzentriert, wäre jetzt die Wut ungehindert in ihm hochgestiegen. Die Grossmutter musste irgendwo in seinem Rücken stehen. Sie war ausgeschlossen aus seiner kleinen Veranstaltung im Wohnzimmer der Familie Schild.
Im selben Ton fuhr er fort:
„Ich war gerade eben bei ihr, im Spital. Es geht ihr gut. Und sie lässt euch ausrichten, sie komme bald nach Hause.“
Er machte eine Pause. Der Junge rieb seine Hände aneinander, die sich jetzt erhitzten, nach der Arbeit draussen in der kühlen Luft. Das Mädchen hatte beide Hände zwischen die Beine geklemmt, die in einem sehr langen Rock steckten und die sie fast bis zu Berger herüberstreckte.
„Ich bin eigentlich von der Polizei und muss herausfinden, was mit Simon Küenzli passiert ist. Aber es ist nichts Schlimmes passiert und deshalb habe ich auch Zeit, rasch hier zu sein. Eure Mutter hat mir erzählt, dass sie Gitarre spielt. Ich habe auch eine Gitarre, wie ihr seht. Sie hat mich gefragt, ob ich euch was vorspielen könnte. Was meint ihr: soll ich?“
Die beiden Kinder lächelten sich ein wenig schüchtern zu. Doch sie glaubten ihm die Lüge.
„Vielleicht können wir ja auch Erich mit einem kleinen Liedchen aus seinem Zimmer locken. Er ist ja nicht so ganz glücklich im Augenblick, oder?“
Sie blickten auf seine Hände, die sich an die Saiten legten.
Er war froh, als er seine Hände spielen hörte. Es war ein langsamer, pointenreicher Rag, der jetzt die Stube erfüllte und hinaus in den Gang hallte. Er hatte während allem Spielen Zeit, sich zu überlegen, ob das auch wirklich schlau war, was er da tat, während die Kinder aufmerksam den Melodieläufen folgten. Berger überspannte manchen Einsatz, legte sich in diesen und jenen wiederholten Akzent hinein, was dem Mädchen und dem Jungen sichtlich Freude machte.
Nein, das konnte nicht falsch sein, dachte er. Ob aber das Spiel auch dann noch aufging, wenn Erich...
Doch dieser erschien auch schon in Bergers Blickfeld, stellte sich ins Licht der Balkontüre neben dem Sofa.
Wie gebannt blickte er auf die Finger von Berger, die scheinbar mühelos über die Bünde glitten und die Klanglust der alten Macchiaverri in allen Variationen auskosteten.
Manch einer seiner Kollegen in der Szene beneidete Bergern um diese Gitarre, und er war ein gern gesehener und gehörter `Special Guest` an ihren Konzerten. Dass sein Name nicht auf den Plakaten stand, war ihm nur recht. Er war nun einmal Polizist geworden und kein Musiker.
„Hallo Erich“, sagte Berger, als die Melodie verhallte.
Seltsam, wie einfach es war, einen Menschen zu beobachten, wenn man über ein Mittel verfügte, ihn zu faszinieren. Berger spielte jetzt die einfachen Akkorde zu einem Lied von Mani Matter, dessen Text er sang:
Am Tag won i uf d Wält bi cho
- sy hei mers später gseit -
da hett my Muetter grad deheime
ds Suppegschyr verheit,
und sider isch s mys herte Los,
bis a mis Läbesänd:
alls wo myr i d Finger chunnt,
verbricht mer i de Händ!
Erich sah meist auf Bergers Hände, nein, vor allem auf seine linke, wie sie die Saiten drückte, die Griffe wechselte. Das Gesicht des Jungen war vom Fenster her scharf angestrahlt von Sonnenlicht. Es zeigte die Züge eines aufgeweckten Kindes, von der Schönheit der Mutter geprägt.
Die zweite Strophe, dann wieder der Refrain:
...Alls wo mir i d Finger chunnt,
verbricht mer i de Händ.
Berger sang mit einem Lächeln, das ihm leicht fiel. Wenn er die Gitarre spielte, fühlte er immer dieselbe Zufriedenheit, seit seiner Kindheit, und hatte auch jetzt keine Schwierigkeiten, dieses Gefühl durchzusetzen, und auch die Ironie des Textes setzte er um, sagte damit seinem Publikum:
„Das stimmt ja gar nicht, übertreib doch nicht so!“
Die dritte Strophe:
I han esmal es Meitschi kennt,
s isch truurig, aber wahr,
es Meitschi ganz us Porzellan,
mit raabeschwarze Haar,
und einisch isch es zue mer cho,
het gseit: jetz isch es z Änd
Ob Erich den Text kannte? Er sah Bergern zuweilen an, als höre er aufmerksam zu, als ob er die Geschichte zum ersten Mal hörte. Aber das hatte nichts zu sagen. Es war vielleicht das erste Mal, dass er überhaupt einen Menschen Lieder spielen hörte, die ihm wichtig waren, ihm allein in dieser Familie.
Alls wo mir i d Finger chunnt,
verbricht mer i de Händ.
Meist sah der Junge aber Bergers Händen zu, die geschmeidig und sicher ein warmes, weiches Klangbett für den Gesang formten.
Berger sang alle fünf Strophen.
„So, noch eins, dann muss ich schnell telefonieren. Kann ich das, Frau Blatter?“
Er sah über die Schulter zu der Grossmutter der Kinder.
„Von mir aus“.
Er wandte sich wieder an die Kinder:
„Noch eins von Mani Matter - Erich - eins, das dir gefällt? Du spielst doch auch Gitarre.“
Das war zuviel verlangt von dem Jungen. Aber es war ein harmloser Fehler. Noch war Berger für ihn hauptsächlich die Stimme aus einer Welt, die er liebte, eine Stimme, der er vorhin unwillkürlich gefolgt war, als Gitarrenklänge durch seine Zimmertüre gedrungen waren.
„Also, ein englisches, vielleicht kennst du das ja auch.“
a-moll... c-dur... d-dur, satte Bassläufe, flinke Sechs-Achtel auf den hohen Saiten, ein paar Zwischenrufe aus den oberen Bünden. Dann das derbe Klagelied, gedämpft nur von einem milden Lächeln in Bergers Gesicht:
There is a house in New Orleans,
they call ´the rising sun´...
Wie angenehm es war, einmal nicht reden zu müssen. Vielleicht auch für die Kinder. Worte konnten so hart sein, so zutiefst verletzend. Sonntag für Sonntag sassen diese Kinder morgens und nachmittags in einem Vereinshaus der Bruderschaft, in der Sonntagsschule, in der Versammlung, während ihre Freundinnen und Freunde einen Fussballmatch hatten, Skifahren gingen, stolz beobachtet von ihren Eltern. Schilds Kinder sahen ihre Eltern derweilen neben ihnen sitzen, im Vereinslokal. Unbewegt sassen Vater und Mutter da und liessen es zu, dass irgendwelche Prediger Geschichten wie die von Abraham und Isaak von der Kanzel herunterkotzten. Geschichten, die den Kindern einfahren mussten. Sogar Berger hatte sie nicht vergessen, obwohl ihn und seine Geschwister die Eltern bloss aus Bequemlichkeit in die Sonntagsschule geschickt hatten und die eine und andere Härte aus dem dort Konsumierten abschwächten. Schilds Kinder bekamen aber doppelt aufs Dach. Vom Prediger und hernach von ihren Eltern, die beteuerten, es sei bestimmt genau so, wie es geschrieben stehe.
Berger lächelte nicht bloss, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu gewinnen. Er amüsierte sich. Auf eine Weise, die ihm selber etwas dumm erschien. Er amüsierte sich darüber, dass er jetzt einen Text sang, über den die Grossmutter die Haare gerauft hätte, wenn sie ein Wort davon verstanden hätte.
Das Lied war zuende.
„So, fertig!“, sagte er mit gespielter Strenge.
„Vielleicht später nochmal. Erich, ich habe vorhin deinen Geschwistern gesagt, dass ich eure Mutter im Spital besucht habe. Es geht ihr gut. Sie kommt bald heim. Du weisst vielleicht, ich bin Polizist. Ich habe untersucht, was mit eurem Untermieter passiert ist. Ich bin damit fertig. Ich habe eurer Mutter versprochen, euch Kindern ein paar Lieder zu spielen.“
Unbewusst fuhr er mit der Linken über die Bünde. Die Saiten sirrten leise.
„Jetzt muss ich aber noch schnell etwas mit eurem Vater abmachen. Nichts Schlimmes. Er wird euch sicher nachher beim Essen davon erzählen.“
Berger machte nochmals einen Versuch mit Erich. Er hielt ihm die Gitarre hin. Der Junge konnte nicht widerstehen. Er fasste sie fest um den Hals.
Berger stand auf, ging zum Buffet neben der Türe, auf dem das Telefon stand. Er wandte den Kindern den Rücken zu. Er suchte in seinem Notizbuch Bäumlins Nummer in Meiringen und drehte an der Wählscheibe.
Friedli meldete sich.
Berger sagte zu seinem Kollegen:
„Berger, Grüessech Frau Bäumlin. Seien Sie so gut und gehen Sie Herr Schild fragen, ob er rasch ans Telefon kommt. Aber nur, wenn es seine Arbeit erlaubt.“
Und etwas später:
„Herr Schild? Berger. Grüessech. Gut, dass ich Sie noch erreiche. Haben Sie Herrn Bucher von der „Helvetia“ erreichen können?“
Schild hielt den Hörer vielleicht schon am Ohr, sagte aber nichts. Berger fuhr fort:
„Hat er Ihnen die Kostenvoranschläge gegeben, die Sie verlangt haben?“
Schweigen.
„Sehr gut. Rufen Sie ihn doch bitte nochmal an und fragen Sie ihn, ob er gleich zu Bäumlins kommen kann. Ich könnte etwa so in zwanzig Minuten da sein, wenn Sie es noch einrichten könnten vor dem Mittagessen.“
Schild atmete am anderen Ende der Leitung.
„Das passt mir sehr gut, Herr Schild. Ich muss nur rasch im Balmhof in Brienzwiler einen Schlüssel abgeben, das wird nur eine Minute dauern. Ja? Erich? Er ist hier. Ich gebe ihn Ihnen.“
Berger wandte sich zu Erich. Der Junge sass auf der Kante des Salontischchens, die Gitarre in der richtigen Stellung auf dem Knie. Er sah Bergern an. Auch die Geschwister waren noch in der Stube. Die Grossmutter hatte sich in die Küche zurückgezogen, wo sie mit Geschirr klimperte.
„Erich, dein Vater möchte dich geschwind.“
Er streckte ihm den Hörer entgegen.
Erich suchte ein Plätzchen für die Gitarre, legte sie schliesslich in den offenen, mit rotem Samt ausgeschlagenen Instrumentenkasten, der mitten in der Stube lag. Er kam heran und ergriff den Hörer.
„Ja?“, sagte er.
Bergern wurde bewusst, dass dies das erste Mal war, dass er den Jungen sprechen hörte. Es erschien im eigenartig, angesichts der intensiven Momente, die er damit zugebracht hatte, sich auf diese Begegnung vorzubereiten.
In Bäumlins Werkstatt in Meiringen sagte Emil Schild seinen Satz ins Telefon:
„Du los: Du musst mir schnell helfen kommen. Ich will die Arbeitsstunden nachkontrollieren, die wir hier bei Bäumlin bisher haben, auch deine. Bäumlin Kari hat das nicht recht gemacht. Ich sage dir nachher, was damit ist. Es ist nichts Schlimmes. Du kannst mit dem Herr Berger herfahren. Nachher gehen wir heim zum Essen. Ist gut?“
„Gut“, sagte Erich und sah nach Bergern. Dieser stand vorne bei den Fenstern und betrachtete eine Fotografie, die dort neben der Balkontüre hing. Es war das Bild eines jungen Soldaten, der eine Frau um die Schulter fasste. Emil und Elsbeth Schild. Sie blickten freundlich in die Kamera und auf Schilds Kopf, der damals noch schmaler war, sass keck die Mütze.
„Herr Berger...“
Er ging zu Erich und nahm den Hörer.
„Wollten Sie mich nochmals, Herr Schild? Also, gut. Etwa in zwanzig Minuten, auf Wiedersehn.“
Erich sah ein bisschen stolz seine Geschwister an, ging in die Küche und sagte der Grossmutter Bescheid.
Berger schloss seinen Gitarrenkasten, trug ihn aus dem Haus, Erich im Schlepptau, und legte ihn in seinem kleinen Wagen auf den Rücksitz.
Unterwegs konnte sich Berger gut mit dem Jungen unterhalten. Über Bergers Gitarre, über Erichs Gitarre, die er als „seine“ bezeichnete, über die Arbeit bei Bäumlin. Über den Brand in dessen Haus.
Dann waren sie in Brienzwiler.
„Ich muss hier im Hotel schnell einen Autoschlüssel abgeben“, sagte Berger und verlangsamte die Fahrt.
Er liess den Wagen bis vor die Gaststube des Balmhofs rollen und stellte ihn dort unter den Fenstern neben der Türe ab. Die Strasse vor dem Balmhof war verbreitert, so dass er hier für einen Augenblick parkieren konnte.
„Willst du rasch im Auto warten?“
Berger beobachtete den Jungen genau. Was mochte jetzt in ihm vorgehen?
Er beherrschte sich. Sah nicht zur Brücke hinauf.
Er nickte.
Eine dumme Idee, das mit dem Autoschlüssel! Berger hatte nicht daran gedacht. Musste es Erich nicht an Küenzlis Auto erinnern, und an den roten VW, in den er hier eingestiegen war?
Er stieg aus dem Wagen, trat auf die Stufen vor der Wirtshaustüre und ging hinein.
Es war niemand im Lokal. In der Küche war Betrieb.
Berger sah hinein. Esther half ihrem Onkel bei der Zubereitung des Mittagsmenüs.
„Hallo“, sagte Berger.
Sie wischte sich die Hände an der Küchenschürze ab, löste sie in ihrem Rücken und legte sie auf die blecherne Anrichte.
„Hallo,“ sagte sie.
Er trat zurück, ging ans Buffet, lehnte sich dagegen und steckte die Hände in seine Hosentaschen. Er trug nur sein grob gemustertes, dickes Baumwollhemd.
Sie blieb in der Küchentüre stehen, sah ihm in die Augen.
Er sagte:
„Ich komme nachher zum Essen. Was gibt es denn?“
„Curry Reis mit Geschnetzeltem.“
„Nicht übel.“
„Willst du schnell ein Kaffee, ein Bier?“
„Ich kann nicht, ich habe jemanden draussen im Auto.“
Sie sah ihn an, forschte in seinem Gesicht. Er versuchte, gelassen zu bleiben.
Sie sah zum Fenster, sah durch die dünnen Gardinen Bergers kleinen Wagen. Sie liess den Blick nicht mehr davon, ging langsam nach vorne, schob eine Gardine ein ganz kleines Stück zur Seite.
So blieb sie stehen.
„Wie geht es ihm“, hörte er sie sagen.
„Es geht ihm gut, sehr gut. Er ist ein prächtiger Bursche.“
„Ja, das ist er“, sagte sie.
Sie drehte sich um.
Sie hielt den Atem an. Dann senkte sich ihre Brust. Sie erwiderte Bergers Lächeln.
Dann ging sie zum Buffet, öffnete eine Schublade und griff hinein. Sie hielt Bergern ein kleines, schwarz glänzendes Messer hin, ein Sackmesser, dessen Klingen zugeklappt waren.
Er nahm es, steckte es in seine Hosentasche und sagte:
„Bis nachher, also.“
„Ja, bis nachher,“ sagte sie und sah ihm nach, bis die Türe hinter ihm ins Schloss fiel.
Zehntes Kapitel
Gleich als Berger mit Erich in Bäumlins Haus eintraf, setzte er Vater und Sohn zusammen in die Küche, beschaffte ihnen Schreibzeug und vergewisserte sich, dass Schild im Bilde war, was er zu tun hatte.
Nichts anderes, als Berger ihm schon vordiktiert hatte.
Berger benötigte zwar keine Aufstellung irgendwelcher Arbeitsstunden. Aber Erich würde es das Gefühl geben, er werde gebraucht, von seinem Vater, und den Jungen auch davon abhalten, das ganze argwöhnisch zu hinterfragen.
Sie würden nicht lange brauchen, um die Zahlen zusammenzutragen. Berger sagte, er werde mit „Herr Bucher“ rasch nach oben gehen und bat seinen Kollegen, mitzukommen.
Sie gingen in den zweiten Stock, wo immer noch die Stehlampe des Schreiners brannte.
„Wie bist du hierher gefahren?“ fragte Berger.
„Einer von Brienz hat mich heraufgebracht.“
Friedli spürte vielleicht auch ein wenig die Spannung, die in Bergers Spiel lag. Sie standen in dem unfertigen Raum beisammen wie zwei Theaterschauspieler, die hinter der Bühne auf ihren nächsten Einsatz warteten.
„Was soll ich jetzt tun?“ fragte Friedli.
„Wir gehen jetzt gleich hinunter und du nimmst Erich hier herauf, lässt dir zeigen, welche Arbeiten er ausgeführt hat. Schrieb nichts auf. Tu so, als wollest du dich nur grob ins Bild setzen. Dasselbe unten im Laden, wenn er dort auch mitgeholfen hat. Gib mir etwa drei Minuten Zeit, damit ich mit Schild sprechen kann.
Dann bringe ich dich zu deinem Auto in Brienzwiler, und dann muss ich einen langen Bericht schreiben.“
„Was ist mit dem Jungen?“
„Er glaubt, er habe Küenzli ermordet, seine Mutter ins Irrenhaus gebracht und anderes mehr.“
Friedli brummte nur. Er war nicht neugierig.
Sie gingen hinunter.
Berger steckte seinen Kopf in die Küche und sagte:
„Wir sind drüben in der Werkstatt, wenn Sie uns brauchen.“
Eine Minute später kam Schild zu ihnen herüber. Er wusste nicht, wem von beiden er die Liste in seiner Hand geben sollte. Berger nahm sie.
Dann waren Berger und Schild allein in der Küche.
Berger forderte Schild auf, sich zu setzen, blieb selber am Herd stehen, so wie am Morgen Frau Bäumlin. Jetzt fiel die Sonne durch das schmale Küchenfenster.
Bergern fiel es nicht leicht, die richtigen Worte zu finden:
„Wir sind noch nicht ganz fertig miteinander. Ich kann mir vorstellen, dass Sie nicht allzu viel von psychiatrischen Behandlungen halten. Aber es wäre auch in Ihrem Interesse, wenn Sie, mal versuchsweise, mit Erich zu einem Psychiater gingen. Ich will Ihnen sagen warum. Die Geschichte mit der Versicherung kann sie einiges kosten. Es ist aber möglich, dass ein Gericht sehr behutsam vorgeht, in solchen Dingen, wenn Kinder damit zu tun haben. Aber kein Richter der Welt wird Sie verschonen, wenn sie Erich die Behandlung verweigern, die er braucht.“
Schild hatte genug damit zu tun, den Kopf bei der Sache zu haben. Er widersprach nicht.
„Sie haben vielleicht etwas andere Vorstellungen von der Behandlung seelischer oder besser gesagt psychischer Schäden. Aber wenn es darauf ankommt, vor dem Gericht, werden Sie den kürzeren ziehen. Dann sind sie einer, der mit zwei Toten zu tun hat und der sich, in den Augen des Richters, nicht um einen Sohn kümmert, der auch in die Sache verwickelt ist. Man wird dann annehmen, es gäbe geeignetere Plätzchen für Erich als seine Familie, wird einen scharfen Prozess führen und ein Urteil sprechen, das nicht darauf Rücksicht nimmt, ob ihre Familie daran nicht zerbricht.“
Er hatte genug gesagt, vielleicht schon zuviel. Aber es war die Wahrheit und es gab keinen geeigneteren Moment, sie auszusprechen.
Schild schwieg, sah nicht zu Begern auf, der sich als dunkle Gestalt vor dem Küchenfenster abhob.
Berger sagte:
„Soll ich Ihnen einen Termin beschaffen, für heute nachmittag?“
Schild nickte augenblicklich mit dem Kopf, sogar ziemlich lange, als gälte es auch ihm selber.
„Werden Sie am Nachmittag hier sein, oder zuhause?“
„Zuhause“, sagte Emil Schild.
Der Curryreis mit Geschnetzeltem, den Berger im Balmhof verzehrte, schmeckte nicht besser als die Fleischvögel vom Vortag. Trotzdem genoss er das Essen. Denn jetzt hatte er Zeit.
Um zwei hatte Esther frei.
Sie fuhren hinunter nach Brienz. Die Sonne strahlte so warm über den See herüber, dass sie beschlossen, dem Quai entlangzugehen, der sich zwischen dem Wasser und den Häusern über die ganze Breite des Dorfes hinzog.
Esther erzählte:
„Ich war in meinem Zimmer im Balmhof. Ich mochte für die paar Stunden, die ich frei hatte, nicht wegfahren. Ich hatte Kopfschmerzen, und mir war etwas übel, ich habe Tabletten genommen. Ein Fensterladen schlug.
Ich habe das Fenster aufgemacht und den Laden angemacht.
Da sah ich oben auf der Brücke Küenzli und Erich.
Küenzli hat sich an den Zementsäcken zu schaffen gemacht, die dort standen. Ich konnte nicht genau sehen, was geschah. Er sah auf die Säcke herab, dann zu Erich, der auch dort stand.
Dann ist Küenzli an den Brückenrand getreten und hat eine Latte aus der Abschrankung genommen, schräg hingestellt. Er hat sich wieder zu Erich umgedreht und hat eine Zeitlang auf ihn eingeredet, stellte ich mir jedenfalls vor.
Der Bub stand genau neben den Zementsäcken. Plötzlich hat er eine Bewegung gemacht, dann hatte Küenzli eine dicke Staubwolke um den Kopf.“
Sie macht eine kleine Pause, fuhr dann fort.
„Der Staub wehte mit dem Wind über den Brückenrand hinaus, es sah ziemlich wild aus, wie eine Explosion. Küenzli machte einen Schritt nach hinten, schien zu stolpern, vielleicht wegen der Blache, die am Boden herumwehte. Dann fiel er wie ein Stein.“
Als Berger schwieg, fragte ihn Esther:
„Warum hat Erich das getan, diesen Zement geworfen? Was weisst du darüber?“
Er fing ihren Blick auf. Es war nicht das geringste Schuldgefühl darin. Sie war mit sich im reinen.
„Küenzli hat den Jungen bedroht, wahrscheinlich. Er hatte Angst vor Erich, und er war auch ein wenig verrückt, nehme ich an.“
„Wegen Erichs Mutter?“
„Nur zum Teil. Das hat mich ja lange verwirrt. Wäre da nicht die Geschichte mit der Versicherung gewesen, dann wäre ich schneller darauf gekommen. Erich wusste, dass Küenzli der Liebhaber der Mutter war. Ich kann das nur annehmen. Fragen konnte ich weder ihn noch seine Mutter. Aber das ist nicht so wichtig. Nur schrecklich, jedenfalls für den Jungen.“
„Was war der andere Teil?“
„Eben doch die Versicherungssache. Küenzli hatte Angst, dass er nichts daran verdienen könnte, wenn Erich seinem Vater von der Liebhabergeschichte erzählte. Was Erich niemals getan hätte. Das ist ja noch eine kleine Ironie am ganzen.“
Esther nickte.
„Aber für Küenzli war das ein Problem. Darum hat er Erich in sein Auto gepackt und ist mit ihm auf die Brücke rausgegangen. Vorher hat der Junge ja noch mitbekommen, wie Küenzli Bäumlin erpresste. Das mag Küenzli vielleicht erst auf den Gedanken gebracht haben, dem Jungen Angst zu machen. Er wollte Erich sicher nicht töten. Ihm nur Angst machen, und ihm vielleicht sogar einfach imponieren, seine sadistischen Seiten ausleben, was weiss ich.“
Er machte ein angewidertes Gesicht.
„Aber die Sache ging in die Hose. Schliesslich lag er als Opfer eines Verbrechens, wie es schien, unter der Brücke und Erich kam davon, mit mehr als einem Schrecken.“
Beide schwiegen. Berger sagte, was ihm gerade durch den Kopf ging:
„Du hast auch gedacht, Erich habe Küenzli getötet?“
„Es sah fürchterlich aus, als Küenzli der Zement auf dem Gesicht zerplatzte. Wirklich wie eine Explosion.“
„Was hast du dann gemacht?“
„Ich lief runter, durch den hinteren Hoteleingang raus. Erich kam die Strasse von der Brücke herunter. Ich konnte ihn kaum zum Anhalten bewegen. Erst als ich sagte, ich könne ihn nach Hause fahren, blieb er stehen und folgte mir hinter das Haus.
Ich habe einen eigenen Schlüssel zum VW meines Onkels. Weil ich oft abends Schluss mache. Ich wohne in einem Zimmer in seinem Haus hier in Brienz. Auch in der Zimmerstunde nehme ich manchmal das Auto. Es ist möglich, dass er gar nichts gemerkt hat, von der Sache. Ich habe ihn nicht gefragt und er mich nicht.
Ich fuhr mit Erich über die Strasse zum Bahnhof, sagte er solle nicht weglaufen und ging über die alte Brücke und habe mir Küenzli angesehen.
Er lag so da, wie du es beschrieben hast. Nur der Zement auf seinem Gesicht noch überall zu sehen. Es regnete erst in der Nacht.“
Sie sahen eine Treppe, die vom Quai zu einem Restaurant hinaufführte, das grosse Fenster zum See hin hatte. Sie stiegen hinauf und gingen hinein. Die Tische nach vorne hinaus waren alle unbesetzt und sie konnten dort ungestört weitersprechen.
„Jetzt kommt das Messer“, sagte Berger auf eine zweideutige aber milde Art.
Sie fuhr fort:
„Es lag direkt neben seiner Hand. Ich habe es mitgenommen, ohne mir viel dabei zu denken. Vielleicht nahm ich an, Erich habe verständige Eltern, die mit der Sache umgehen konnten. Besser als die Polizei. Wenn ich das Messer dort gelassen hätte, dann wäre irgend ein Inspektor gekommen und hätte angefangen, dumme Fragen zu stellen...“
Ihr Lächeln hielt nicht lange. Sie sagte:
„Jetzt, da auch dieser Bäumlin tot ist, sehe ich das natürlich ein bisschen anders. Aber nicht sehr.“
„Da hast du recht,“ sagte Berger.
Er sagte nicht genau, was er damit meinte. Er sagte auch nicht, dass er selber vielleicht ein bisschen Schuld hatte an Bäumlins Tod. Aber auch nicht sehr.
Damit würde er keine Mühe haben, nachher, wenn er seinen Bericht für Neuhaus schreiben musste.
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